Lesen. Suchen. Sammeln

Der City-Asphalt mutiert zur Liegewiese

Großdemo in der Innenstadt: „Fridays for Future“ legt den Alleenring lahm. Parodien und Party am Elisenbrunnen.

Aachen Ob’s nun am Klimawandel lag oder nicht: Den Organisatoren des neuerlichen großen Aktionstags war pünktlich zum letzten Freitag im November 2019 jedenfalls reichlich Beistand von ganz oben beschert. Während ungezählte Schüler ab Mittag abermals dem Streikaufruf der „Fridays for Fu-
ture“-Bewegung folgten, legte die Sonne über dem Talkessel offensichtlich eine Sonderschicht ein. So versammelten sich schon zur ersten Kundgebung am Elisenbrunnen Hunderte – beileibe nicht nur jugendliche – Demonstranten, um ihren Forderungen im Vorfeld des Weltklimagipfels in Madrid lautstark Nachdruck zu verleihen. Und bis zum Nachmittag schwoll der Strom der Gleichgesinnten, die sich dem Protestzug über den Alleenring anschlossen, weiter an. Am Ende waren es nach Schätzungen der Polizei immerhin über 1000, nach Angaben der Veranstalter rund 2000.

Gegen ungezügelten Konsum

Zuvor, quasi zur Einstimmung, sollte die erste Etappe des Demo-Marathons nur über wenige hundert Meter, nämlich bis ins Herz der Einkaufsstadt und wieder zurück zur Rotunde führen. Ein paar Minuten nach 12 Uhr marschierten mehrere hundert Umwelt-Bewegte zur lärmenden „Ladenparade“ durch die Adalbertstraße bis zum Willy-Brandt-Platz, um reichlich Rabbatz zu machen gegen ungezügelten Konsum und Verschleuderung von Ressourcen zulasten der Ärmsten dieser Welt. „In Bangladesch schuften die Menschen, damit wir hier T-Shirts für drei Euro kaufen können“, wetterte „FFF“-Vertreterin Hannah Lindlar (nicht von ungefähr lockte ein kleiner Flohmarkt am Elisenbrunnen mit der Möglichkeit, gebrauchte Klamotten zu tauschen). „Dabei ist dieses Land eines der ersten, das mit den katastrophalen Folgen des steigenden Meeresspiegels konfrontiert ist.“ Die Menge quittierte den bitteren Befund mit frenetischem, zornigem Applaus. Und verzichtete angesichts der jetzt bereits ziemlich großen Zahl der Demonstrierenden auf den geplanten gemeinsamen „Tanz auf dem Vulkan“, um stattdessen einmal mehr Protestlieder gegen die Zerstörung der Umwelt durch mächtige Wirtschaftskonzerne anzustimmen.

Unterdessen war der Friedrich-Wilhelm-Platz längst zur Arena für diverse, meist satirisch-böse Darbietungen der „Artists for Future“ mutiert – nur eine von inzwischen 18 Initiativen aus etlichen gesellschaftlichen Gruppen, die sich den Schüler-Protesten inzwischen angeschlossen haben. Im Zentrum des Geschehens wurden die Blicke in Gestalt eines überdimensionalen knallroten Pfeils auf ein handliches Päckchen gelenkt, das, wie verloren in einem viel zu großen goldenen Rahmen baumelnd, die aus Sicht der Demonstrierenden eher spärlichen jüngsten Klima-Beschlüsse der Bundesregierung symbolisieren sollte. Daneben: ein vergleichsweise riesiges „Klimapaket“, das nicht nur zur Dokumentierung der weitaus umfangreicheren Wunschliste der Umweltverbände diente, sondern reichlich Platz für Unterschriften als „Absender“ bot – und als ideale Bühne taugte.

Ironisches Rededuell

Schauspielerin Annette Schmidt und Aktionskünstler Todde Kemmerich lieferten sich ein bitter-ironisches Rededuell, in dem sie die wohlfeilen Verlautbarungen führender Staatenlenker aufs Korn nahmen. Auf dem Pflaster präsentierten diverse „Artists“ derweil eine parodistische Polit-Parade frei nach Pina Bauschs berühmter Tanz-Choreographie „Nelken Line“. Für den passenden Klangteppich sorgten Rapper Nic Knatterton und seine Band Marmeladenfabrik mit rasant-rockigen Rhythmen.

In leidenschaftlichen Redebeiträgen appellierten der bekannte Naturführer und Umweltaktivist Michael Zobel sowie Vertreterinnen der Initiative Bürger(innen)asyl an die Regierenden, dem Klimawandel – und damit einer der fatalsten Fluchtursachen – endlich Einhalt zu gebieten. Manfred Kutsch, ehemaliger Redakteur beim Zeitungsverlag, berichtete von erschütternden Erlebnissen bei seiner jüngsten Reportage-Tour durch Mosambik, von Menschen in bitterster Armut, die nach dem verheerenden Wirbelsturm auch ihre letzte Habe verloren haben (siehe auch Bericht auf der Seite „Aus aller Welt“).

Schließlich setzte sich der nächste, weit größere Protestzug quer durch die City in Bewegung und zog vom Elisenbrunnen in Richtung Normaluhr, dann die Wilhelmstraße hinunter zum Kaiserplatz und über die Heinrichsallee zum Hansemannplatz.

Minutenlange Blockaden

Im Gegensatz zu den früheren „Fridays-for-Future“-Demos gab es diesmal auf den großen Kreuzungen minutenlange Blockade-Aktionen. Die Demonstranten legten sich alle miteinander auf den – ziemlich kalten – Boden oder tanzten zu Musik aus den mitgeführten Lautsprechern. Man demonstriere jetzt schon fast ein ganzes Jahr, erklärte eine Teilnehmerin. Der Erfolg aber halte sich in Grenzen. Deshalb wolle man mit solchen Aktionen den Druck erhöhen. Und während die Demonstranten an der Normaluhr „Motor aus!“ skandierten, schob sich von der Theaterstraße Auto an Auto über die Kreuzung. An mehreren Stellen allerdings hatte die Polizei den Blechverkehr schon weit vor den Kreuzungen abgeleitet. Die Demo sorgte für massive Verkehrsbehinderungen in der Innenstadt.

Wer abends noch Energie hatte, konnte sich der Fahrrad-Demo der Initiative „Critical Mass“ anschließen und zum Abschluss am Elisenbrunnen tanzen. Nach Angaben der Polizei verlief die Demonstration ohne Zwischenfälle. Alle hätten sich friedlich und kooperativ verhalten, sagte ein Sprecher am Abend. Kurz darauf kam es allerdings auf der Oppenhoffallee zu einer nicht genehmigten Blockade durch ein Dutzend Demonstranten, die nach zehn Minuten wieder beendet wurde.

30.11.2019 / Aachener Nachrichten - Nordkreis / Seite 22 / LOKALES