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Zwischen Geschichte und Kommerz

Thomas Kreyes leitet seit einigen Wochen als Geschäftsführer Vogelsang IP. Ihm steht ein Spagat bevor.

Nordeifel Tourismus an einem Ort, der wie kaum ein zweiter in der Region für die menschenverachtende Ideologie des Nationalsozialismus steht? Für Thomas Kreyes, den neuen Geschäftsführer der Vogelsang-GmbH, sind Geschichte und Kommerz nicht zwingend Gegensätze. Im Interview mit unserem Redakteur Marco Rose erklärt der ehemalige RTL-Manager, was er sich unter anderem von dem großen Wellnesshotel erhofft, das in knapp zwei Jahren in dem historischen Vogelsang-Komplex eröffnen soll. Die ehemalige NS-Ordensburg dürfe zwar kein Rummelplatz werden, Ziel müsse es aber sein, möglichst viele Menschen anzusprechen, „die von ihrem Besuch hier etwas mitnehmen“.

Herr Kreyes, nach 27 Jahren im Management von RTL und einem Umweg über die Kirchenzeitung leiten Sie seit dem Frühjahr Vogelsang IP. Das könnte man durchaus als ungewöhnliche Wendung in einem Lebenslauf bezeichnen.

Thomas Kreyes: Ich habe mich irgendwann dazu entschlossen, noch einmal etwas ganz Neues machen zu wollen – eine Aufgabe mit sozialer, gesellschaftlicher Verantwortung. Bei RTL habe ich auch immer den Kontakt zu öffentlichen Institutionen gepflegt. Vogelsang und der Nationalpark Eifel waren mir von früheren Ausflügen mit der Familie ein Begriff. Letztlich war es ein Zufall, dass ich mit dem Landschaftsverband Rheinland, der gegenüber von RTL in Köln-Deutz sitzt, ins Gespräch gekommen bin.

Braucht eine Einrichtung wie Vogelsang IP einen Medien- und Marketingprofi? Muss man den Menschen diesen historischen Ort noch mehr erklären?

Kreyes: Ich denke schon. Ich habe die Corona-Zeit genutzt, um mich mit dem Team und den zahlreichen Standortpartnern intensiv auszutauschen. Ich wollte vor allem erfahren, wofür dieser Standort aus Sicht der jeweiligen Akteure überhaupt steht. Das hat meinen ersten Eindruck bestätigt: Vogelsang steht sehr stark für Vielfalt. Das beginnt bei einer wissenschaftlichen Leitung, die natürlich sehr darauf achtet, dass Vogelsang in erster Linie als Erinnerungs- und Gedenkort genutzt wird. Vogelsang ist auch ein Lernort, der von möglichst vielen Menschen besucht werden sollte. Und am Ende muss man ehrlich sagen, dass dieser Ort mitten im Nationalpark Eifel mit einem grandiosen Blick auf den Urftstausee für viele Menschen in erster Linie ein Ausflugsort ist. Das muss man in einen Ausgleich bringen, in ein vernünftiges Konzept gießen. Ich halte jede Motivation, diesen Ort zu erleben, für legitim. Schließlich bietet sich hier auch die Chance, einem Erholungssuchenden auch etwas Geschichte zu vermitteln. Wenn jemand auf diesem Wege etwas von hier mitnimmt, ist mir der genauso wichtig, wie jemand, der mit einer klaren Motivation hierher kommt, die NS-Dokumentation zu sehen.

Ausflugsverkehr, ein Café mit toller Aussicht, Naturerleben und Geschichtsvermittlung – all das geht unter einen Hut?

Kreyes: Der Nationalpark beweist, wie schön Natur auch nah an den Metropolen sein kann. Wir haben schon ein wahnsinniges Einzugsgebiet. Aber der Nationalpark steht auch für Themen wie Nachhaltigkeit und einen anderen Umgang mit der Natur. Wir wollen zudem vermitteln, was es bedeutet, diese Natur zu erhalten. Wenn man oben von der Gastronomie auf die Wälder schaut, sind die Folgen des Klimawandels schon nicht mehr zu übersehen – in Form von sterbenden Nadelwaldbeständen.

„Wenn man viele öffentliche Mittel eingesetzt hat, muss man daraus auch etwas machen – keinen Rummelplatz, sondern einen Ort, von dem man etwas mitnimmt, ganz unabhängig vom Vorwissen.“

Thomas Kreyes,
Geschäftsführer Vogelsang IP

Wie verteilt sich das Publikumsinteresse auf die einzelnen Bereiche?

Kreyes: Im vergangenen Jahr hatten wir insgesamt 280.000 Besucher. Davon haben sich 40.000 die NS-Ausstellung angesehen, gute 20.000 die Wildnisträume. Dazu kommen dann noch die Besuche in den Angeboten unserer Partner wie dem Deutschen Roten Kreuz oder dem Bistum Aachen. Ich hoffe, dass wir trotz Corona in diesem Jahr insgesamt keinen größeren Einbruch haben werden.

Corona ist die eine Herausforderung, die Entwicklung des Standortes eine andere. Wo stehen Sie da jetzt?

Kreyes: Demnächst wird sich auf Vogelsang noch viel tun. Die Grundstücke sind mittlerweile verteilt. Die Standortentwicklungsgesellschaft, die der Kreis Euskirchen eingerichtet hat, wird bis Ende des Jahres alle Verträge abgewickelt haben, ebenso die Bundesimmobilienanstalt, die ursprünglich den Umwandlungsprozess begleitet hat. Dann bilden wir hier eine sehr vielfältige Anliegergemeinschaft. Wir kommen jetzt in eine neue Phase und versuchen, einen Kooperationsmechanismus herauszuarbeiten. Die Ausstellungen sind etabliert, nun muss das Gelände weiterentwickelt werden.

Dazu zählt auch die weitere touristische Nutzung?

Kreyes: Definitiv. Besucher werden hier in Zukunft ganz unterschiedliche Angebote vorfinden. Zum einen in einem Vier-Sterne-Wellness-Hotel mit bis zu 200 Zimmern, das von einem niederländischen Partner realisiert wird. Wir rechnen mit einem Start Ende des Jahres 2022. Ein Komplex wird entstehen, in dem vier der sogenannten Kameradschaftshäuser integriert werden. Die werden durch einen modernen Gemeinschaftsbau im Stile des Forums verbunden. Im Eingangsbereich mit dem „Malakoff-Ensemble“ werden Ferienhäuser eingerichtet, die Platz für eine dreistellige Zahl an Übernachtungsgästen bieten werden. Dazu kommt noch der Wohnmobilplatz, der bis zu 80 Stellplätze aufnehmen kann. Es wird noch einige Baustellen in den kommenden Jahren geben.

Verändert ein Wellness-Hotel und das entsprechende Publikum nicht langfristig den Charakter eines solchen historischen Ortes?

Kreyes: Hinter dem Hotelprojekt steht auch die Absicht, einen Tagungsbetrieb realisieren zu können. Wir haben schon den Anspruch, den Besuchern hier zu vermitteln, dass sie an einem besonderen Ort sind. Das sieht man ja schon an der Bausubstanz, die weitgehend aus der Zeit des Nationalsozialismus stammt. Wir wollen aber auch Verbindungen schaffen – mit einem professionellen Tagungsbetrieb, der von Unternehmen, Verbänden oder Institutionen genutzt werden kann. Das inhaltliche Angebot soll dann stark von uns geprägt werden. Ich glaube, dass das Potenzial vorhanden ist, und ich finde das auch legitim. Das muss einen im Kopf ja nicht davon abhalten, zu registrieren, dass das ein Standort mit besonderer Verantwortung ist.

Beobachten Sie an sich oder auch an Besuchern, dass diese Architektur eine besondere Wirkung auf Menschen hat?

Kreyes: Ja, das gebe ich offen zu. Das hat erstmal etwas leicht Verstörendes, nichts Faszinierendes. Wenn Sie das „Malakoff“ zum Beispiel nehmen, dann hat das nichts Anziehendes. Sich klarzumachen, welche Ideologie damit verbunden war, macht den Besuch so interessant.

Welchen Stellenwert hat Erinnerungskultur heute überhaupt noch? Für die AfD ist der Nationalsozialismus ja nur noch ein „Fliegenschiss in der deutschen Geschichte“.

Kreyes: An diesem Ort, den Adolf Hitler wiederholt besucht hat, ist der Nationalsozialismus in seiner schlimmsten Form zelebriert worden. Angesichts aktueller rechtspopulistischer und -extremer Strömungen bleibt es wichtig, daran zu erinnern. Es sollte unser Anspruch sein, dass im besten Fall jeder nordrhein-westfälische Schüler – und darüber hinaus – diesen Ort einmal besucht hat.

Es gab seinerzeit die Befürchtung, Vogelsang könne sich auch zu einer Kultstätte für die extreme Rechte entwickeln. Welche Erfahrungen hat man diesbezüglich gemacht?

Kreyes: Es hat schon Vorfälle gegeben, vor allem in den Abendstunden, wenn die Einrichtung und die Ausstellungen geschlossen sind. Seit Beginn meiner Tätigkeit ist mir aber nichts zu Ohren gekommen. Unser Ziel ist es, den Standort auch in den Abendstunden so zu beleben, dass wir vor solchen Besuchern weiterhin verschont bleiben. Es gab ja auch die Diskussion, ob es nicht besser sei, diese Gebäude bewusst verfallen und so zu einem Mahnmal der Geschichte werden zu lassen. Man hat sich anders entschieden, und ich empfinde es als enormes Privileg, diesen Ort mitzugestalten. Wenn man viele öffentliche Mittel eingesetzt hat, muss man daraus auch etwas machen – keinen Rummelplatz, sondern einen Ort, von dem man etwas mitnimmt, ganz unabhängig vom Vorwissen.

29.07.2020 / Dürener Nachrichten / Seite 14 / LOKALES