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Schüler mittendrin im Reich der Mitte

Zehn Tage lang haben Jugendliche aus drei Jülicher Gymnasien die chinesische Partnerstadt Taicang besucht

Jülich/Taicang China ist wohl eines der ambivalentesten Länder der Welt. Hier existieren moderne Wolkenkratzer neben historischen Tempeln, Wirtschaftstärke neben Armut und Fortschritt neben Unterdrückung. Gerade wegen letzterer macht die chinesische Regierung im Zuge der aktuellen Konflikte in Hong Kong immer wieder negative Schlagzeilen. Einen persönlichen Eindruck vom Reich der Mitte haben sich insgesamt 31 Teilnehmer aus drei Jülicher Schulen nun vor Ort verschafft. Eine Woche verbrachten die Oberstufenschüler des Mädchengymnasiums, des Gymnasiums Zitadelle und des beruflichen Gymnasiums des Berufskollegs in Jülichs Partnerstadt Taicang.

Bei Schüler Hendrik vom Gymnasium Zitadelle hat die Chinareise einen bleibenden Eindruck hinterlassen. „Das war eine Möglichkeit, die sich sonst nicht so leicht bietet“, sagt der 16-Jährige. „Man bekommt große Extreme mit, aber der erste Eindruck war definitiv positiv. Das ist etwas, dass man in den Medien so nicht erfahren kann.“ Schülerin Zoe vom beruflichen Gymnasium des Berufskollegs kann sich sogar vorstellen, später einmal beruflich nach China zurückzukehren.

Auch für Marisol vom Mädchengymnasium war China anders, als sie es erwartet hatte. In ihrer Gastschule – insgesamt drei wurden von den Schülern besucht – sind ihr einige Unterschiede zu Deutschland aufgefallen: „Es gab eine strikte Trennung von Jungen und Mädchen im Klassenraum“, erzählt die 18-Jährige. „Die Mädchen saßen auf der einen, die Jungen auf der anderen Seite und der Lehrer hat die Mädchen gewissermaßen links liegen gelassen.“

Viel disziplinierter

Aber auch positives ist den Jugendlichen an den Schulen aufgefallen. „Neue Medien werden viel häufiger benutzt als bei uns“, sagt Hendrik. „Die Schüler waren außerdem sehr diszipliniert.“ Und das trotz der großen Klassen. Bis zu 50 Schüler hätten teilweise in einem Raum gesessen. Ein Jahrgang in China, berichten die Lehrer, hat rund 700 Schüler – das ist fast so viel wie eine Jülicher Schule in allen Jahrgängen zusammen.

Zoe und ihren Klassenkameraden, die das chinesische Äquivalent einer Berufsschule besucht haben, konnten besonders gut mit den einheimischen Schülern in Kontakt kommen, denn sie waren zu Gast in einem Deutschkurs. „Wir wurden sofort eingebunden“, sagt die 19-Jährige. „Auch die Atmosphäre war eigentlich sehr entspannt.“ Außerhalb des Deutschunterrichtes lief die Kommunikation mit den Chinesen entweder auf Englisch oder über eine Übersetzungs-App, wie die Schüler berichten.

Der Auslandsaufenthalt war nicht nur die erste Kooperation der drei Schulen, sondern für das Organisationsteam auch ein Schritt ins Ungewisse, denn nach China waren sie noch nie mit einer Schülergruppe gereist. Zurück in Jülich ziehen die Lehrer Dirk Neumann, Susanne Kremling und Holger Foltz ein positives Fazit. Dabei war die Vorbereitung der Reise nicht unproblematisch. „Alleine die Visa-Anträge waren ein Berg an Arbeit“, berichtet Neumann. Zu den erforderlichen Dokumenten gehörten die Geburtsurkunde oder sogar die Hochzeitsurkunde der Eltern.

Auf Hilfe angewiesen

Bei der Vorbereitung und vor Ort hat ein Student der Fachhochschule, der in Taicang geboren wurde, bei den Vereinbarungen mit den lokalen Behörden und Schulen geholfen. „Man ist auf Hilfe angewiesen“, sagt Susanne Kremling. Da sind sich auch die Schüler einig, denn wenn selbst das Lesen von Schildern zur Herausforderung wird, ist es schwer sich durch China zu manövrieren. „Alleine hätte ich es wohl nicht mal geschafft eine Apotheke zu finden“, sagt Marisol. „Nur in den Shopping-Malls gab es auch Schilder mit westlichen Aufschriften.“

Auch die aus Deutschland mitgebrachten Handys halfen nicht viel, denn viele Dienste sind im chinesischen Internet gesperrt. Auch andere Aspekte der Kontrolle durch den Staat sind den Schülern aufgefallen. So hingen in den Schulen zahlreiche Überwachungskameras und wer in China zum Beispiel beim Überschreiten einer roten Ampel geblitzt wird, dessen Foto wird auf eine große Leinwand projiziert. „Im Flugzeug gab es einige chinesische Zeitungen in englischer Sprache“, berichtet Hendrik. „Die enthielten schon einige Propagandaphrasen.“

Nichts desto trotz sind die Schüler mit einem positiven Eindruck aus China zurückgekommen. Bei ihrem Besuch einer chinesischen Gastfamilie und im Gespräch mit chinesischen Schülern sei ihnen vor allem die Gastfreundschaft der Menschen aufgefallen. Hendrik, Marisol und Zoe sind sich einig, sie würden jeder Zeit wieder nach China fahren. Und auch die Lehrer würden auf das Projekt gerne aufbauen. Noch ist es nicht ganz in trockenen Tüchern, aber geplant ist ein Besuch von chinesischen Schülern in Jülich für Januar.

23.11.2019 / Jülicher Zeitung / Seite 15 / JÜLICH