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Bürgermeister stellt sich gegen RWE-Chef

Hambacher Forst: Wird Morschenich abgebaggert? Vorstandschef sagt Ja, einige seiner Mitarbeiter sagen Nein.

Merzenich Als Georg Gelhausen gestern Morgen unsere Zeitung aufschlug und zu lesen begann, was nach dem Beschluss der Bundesregierung am Hambacher Forst alles passieren und nicht passieren wird, musste er einige Passagen zwei Mal lesen. Er konnte nicht glauben, was da stand. Gelhausen (CDU) ist Bürgermeister der Gemeinde Merzenich im Kreis Düren, das Geisterdorf Morschenich liegt auf seinem Gemeindegebiet. Und in der Zeitung stand, dass, obwohl der Hambacher Forst erhalten bleibt, Morschenich abgebaggert wird. Gelhausen sagt: „Ich war total überrascht, mein Kenntnisstand ist ein völlig anderer.“

Schmitz’ wortwörtliches Zitat

Die Auskunft darüber, dass die beiden Geisterdörfer Morschenich und Kerpen-Manheim verschwinden sollen, weil die Erde unter den Orten für das Abflachen der Tagebaukante unter anderem am Hambacher Forst gebraucht wird, stammt von Rolf Martin Schmitz. Schmitz ist Vorstandsvorsitzender der RWE AG, der die beiden Geisterdörfer gehören. Schmitz sagte im Gespräch mit mehreren Zeitungen, auch mit unserer, am Donnerstag wortwörtlich (nachzuhören unter k.az-web.de/iek4aika):

„Die Dörfer sind ja weitgehend von den Einwohnern verlassen, bis auf ganz wenige. Sie sind in einem Zustand, dass man dort auch nicht unbedingt leben will. Ferner müssen wir ja jetzt durch die Umplanung des gesamten Tagebaus Erdmassen von hinter dem Wald nutzen, um die entsprechende Rekultivierung und die entsprechenden Böschungen herstellen zu können. Insofern gehen wir davon aus, dass diese Dörfer weiterhin abgebaggert werden.“

Deutlicher geht es nicht.

Das Problem ist: RWE hatte Gelhausen bis zuletzt zugesichert, dass Morschenich nicht abgebaggert wird. Entsprechend hatte die Gemeinde Merzenich damit begonnen, die Zukunft des verwüsteten und weitgehend umgesiedelten Dorfes zu planen.

Am Dienstag soll der Staatssekretär aus dem Bundesforschungsministerium, der Dürener Thomas Rachel (CDU), mit einem Förderbescheid nach Morschenich kommen, für den Empfang ist laut Gelhausen alles vorbereitet. Mit dem Scheck, den Rachel überreichen wird, soll ein Projekt des Forschungszentrums Jülich in Morschenich unterstützt werden, es geht um Bio-Ökonomie. Aus Morschenich soll nach Gelhausens Planung eine Modellregion werden, ein Ort der Zukunft, ein Ort der Forschung.

Doch wenn es kommt, wie RWE-Chef Schmitz gesagt hat, wird aus Morschenich überhaupt nichts. Es versinkt dann im Tagebau.

Nachdem Gelhausen gestern Morgen die Zeitung zu Ende gelesen hatte, griff er zum Telefon und rief bei RWE an. Das war gegen 7 Uhr. Sein Ansprechpartner habe ihm erklärt, sagt Gelhausen gestern im Gespräch mit unserer Zeitung, dass der Bericht falsch sei. Es sei gar nicht geplant, Morschenich abzubaggern. Gelhausen bat RWE darum, eine Richtigstellung zu veröffentlichen. RWE sagte zu, sich alsbald wieder bei Gelhausen zu melden.

Parallel dazu bat unsere Zeitung RWE gestern Vormittag, etwas detaillierter zu erläutern, was Schmitz am Donnerstag nur grob skizziert hatte. Bis zu welcher Stelle wird RWE bis zu welchem Zeitpunkt am Tagebau Hambach und am Hambacher Forst genau baggern? Ein Rückruf wurde von der RWE-Pressestelle um 11.25 Uhr fest zugesagt. Es werde „ein bis zwei Stunden dauern“.

Um 14.45 Uhr teilte RWE mit, dass es mit dem Rückruf noch dauern könne, vor 16 Uhr werde darüber keine Entscheidung fallen. Es sei inzwischen auch nicht mehr klar, ob am Freitag überhaupt noch Stellung zu dem Thema bezogen wird. Auch Gelhausen hatte um 15 Uhr noch nicht wieder von RWE gehört. Ungeachtet dessen sagte Gelhausen zu diesem Zeitpunkt: „Morschenich wird nicht abgebaggert. Definitiv.“

Das ließ nur nur zwei Schlüsse zu: Entweder wusste der RWE-Vorstandsvorsitzende Schmitz gar nicht, was genau seine Ingenieure am Tagebau Hambach geplant haben. Dann stellt sich die Frage, warum er überhaupt darüber gesprochen hat. Oder RWE hat schlichtweg vergessen, Gelhausen rechtzeitig über geänderte Pläne in einer so wichtigen Frage zu informieren.

Die Auflösung

Um 17.06 Uhr dann schickte RWE unserer Zeitung eine kurze Stellungnahme, in er es heißt: Es „ist davon auszugehen, dass die Ortslagen“ Manheim und Morschenich „abgetragen“, also weggebaggert, „werden müssen (...). Für all das wird RWE (...) eine komplett neue Braunkohlenplanung erstellen. Sie wird ein öffentlich-rechtliches Genehmigungsverfahren (...) durchlaufen. Erst danach steht die genaue Abbaugrenze fest. Die Umsiedlungen von Manheim und Morschenich (...) werden planmäßig fortgesetzt“.

Mit anderen Worten: Es kommt, wie es Schmitz am Donnerstag gesagt hat – wahrscheinlich.

Bürgermeister Gelhausen hatte bis 18 Uhr hingegen nicht wieder von RWE gehört.

18.01.2020 / Jülicher Zeitung / Seite 6 / REGION & NRW