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Von Kühen und dem Klimawandel

Ein neuer Bericht des Weltklimarats zeigt, dass Menschen künftig anders leben müssen. Davon ist auch die Landwirtschaft betroffen. Experten fordern die Rückkehr des „Sonntagsbratens“.

Genf Etwa ein Viertel der klimaschädlichen Emissionen von Treibhausgasen stammt aus Landwirtschaft, Forstwirtschaft und anderer Landnutzung. Wiederkäuer wie Kühe tragen zu den Emissionen bei, weil sie beim Verdauen Methan erzeugen und ausstoßen – ein Gas, das noch viel klimawirksamer ist als Kohlendioxid. Aber: „Wir werden den Kühen die Fürze und Rülpser nicht gänzlich austreiben können“, meinte der Präsident des Schweizer Bauernverbands, Markus Ritter.

Es gibt trotzdem viele Wege, die Landwirtschaft nachhaltiger und damit weniger klimaschädlich zu machen. In dem Bereich kommt es auch auf die Verbraucher an, sagten die deutschen Mitautoren des nächsten Sonderberichts des Weltklimarates (IPCC), Almut Arneth und Alexander Popp. Der Bericht wird am 8. August in Genf veröffentlicht. Die Landwirtschaft und Ernährungssicherheit sind nur eines von vielen Themen darin.

„Das Thema Landnutzung hat große Aufmerksamkeit verdient“, sagt Popp vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). „Wenn alles weiter läuft wie bisher, wenn wir in Zukunft eventuell neun Milliarden Menschen auf der Erde haben und afrikanische Länder und China im Konsum den westlichen Ländern nachziehen, dann hätten wir ein Riesendrama.“

„Die Landoberfläche ist begrenzt, die Bevölkerung wächst, mehr Fläche wird für die Ernährung und Fasern etwa für Kleidung benötigt“, sagt Arneth, Ökosystemforscherin am Karlsruher Institut für Technologie. „Mit wachsendem Wohlstand ändert sich auch das Konsumverhalten: Es wird beispielsweise mehr Fleisch gegessen. Fakt ist: Die Landnutzung trägt zum Klimawandel bei, sei es durch Düngung, Methanemissionen der Wiederkäuer oder die Entwaldung. Die Frage ist: Wie bekommen wir das alles unter einen Hut?“

„Wenn alles weiter läuft wie bisher, (...) dann hätten wir ein Riesen-drama.“

Alexander Popp, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK)

Anders essen und anders mit Lebensmitteln umgehen, das wäre ein großer Beitrag zum Klimaschutz, so die Wissenschaftler. „Zurück zum Sonntagsbraten“, sagt Popp. Das heißt: weniger tierische Produkte essen.

„Weg von den Wiederkäuern, dann hätte man auch mehr Flächen für den Anbau von Lebensmitteln und die Aufforstung“, sagt auch Arneth. Nach Angaben des Bundesumweltministeriums werden 91,6 Prozent oder 4,58 Milliarden Hektar der weltweit zur Verfügung stehenden Agrarfläche als Weide oder zur Produktion von Futtermitteln verwendet. Weniger Fleischkonsum bedeutet weniger Tiere, weniger Methan, weniger Weide- und Futtermittelfläche. Für die Menschen wäre es zudem gesünder, und mehr Anbaufläche für Nahrungsmittel könnte weltweit mehr Hunger stillen.

Das Bundesumweltministerium rechnet vor: Beim Anbau von einem Kilogramm frischem Gemüse entstehen 153 Gramm CO2-Äquivalent, bei biologischem Anbau sogar nur 130 Gramm. Bei einem Kilogramm Rindfleisch seien es dagegen 13,3 Kilogramm, beziehungsweise 11,37 in der Ökolandwirtschaft. Der Weltbiodiversitätsrat hat in seinem Bericht im Mai unter anderem Agrarsubventionen gegeißelt. Er schätzt, dass im Jahr 2015 in den OECD-Ländern 100 Milliarden Dollar für potenziell naturschädliche Agrarsubventionen ausgegeben wurden.

„Auch in Deutschland fördern Agrarsubventionen die nachhaltige Nutzung nicht wirklich“, sagt Arneth. Zudem sei der Fleischkonsum zu hoch. Zu viele Lebensmittel würden auch ungenutzt vernichtet.

„Verbraucher können sich auch fragen: Muss es fünf Mal ein neues T-Shirt sein oder reicht das alte noch?“, so Arneth. Beim Anbau für die Baumwolle werden Pestizide eingesetzt, der Wasserverbrauch ist hoch. Viele Menschen glauben, dass es teurer sei, sich umweltbewusster zu ernähren und zu kleiden. Arneth sieht das nicht so: „Ich bin nicht überzeugt, dass umweltfreundlicher Konsum notwendigerweise teurer ist“, sagt sie.

Moore als günstige Lösung

Für Popp muss in Deutschland neben der Änderung des Konsumverhaltens vor allem der Schutz der Moore im Vordergrund stehen. Moore speichern besonders viel Kohlenstoff, der bei einer Entwässerung zur Verwandlung in Ackerflächen freigesetzt würde. „Das zu verhindern, wäre nicht teuer – niedrig hängende Früchte sozusagen“, sagt Popp.

Die Bundesregierung will die jährlichen Emissionen aus der Landwirtschaft bis 2030 gegenüber 2014 um elf bis 14 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente reduzieren. Vorgesehen sind unter anderem mehr Verwertung landwirtschaftlicher Reststoffe in Biogasanlagen, mehr Fläche für ökologische Bewirtschaftung und der Schutz von Moorböden.

23.07.2019 / Heinsberger Zeitung / Seite 2 / POLITIK