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TIERSCHUTZ

Der Vorhof zur Hölle und die Schuld der Verbraucher

Romy Lang von der Gemeinnützigen Tierschutzgesellschaft Aachen befasst sich mit dem Text „Tierquälerei, Inkompetenz, Hygienechaos“ über die von der „Soko Tierschutz“ jüngst aufgedeckten Zustände im Schlachthof Düren und titelt „Die Suche nach den Schuldigen. Oder, die Kunst, die Schuld bei anderen zu suchen“:

Verstörende Bilder sind es, die Tierschützer Friedrich Mülln, Gründer des Vereins „Soko Tierschutz“, uns gezeigt hat und auf deren Veröffentlichung Ihre Zeitung mit ausführlicher Berichterstattung reagierte. Gezeichnet wird hier ein Bild, welches man sich wie den Vorhof zur Hölle denkt. Wer nun für diese Grausamkeiten zur Verantwortung gezogen werden muss, diese Frage wurde sich als Reaktion gestellt. Der Tierschutzverein „Soko Tierschutz“ stellte Strafanzeigen gegen den Eigentümer des Dürener Schlachthofs, den Leiter der Schlachterkolonne und dessen Vorarbeiter, einen Subunternehmer, sowie das Kreisveterinäramt Düren, das offensichtlich als Aufsichtsbehörde schrecklich versagt hat. Und schnell gewinnt man beim Lesen den Eindruck, dass sich bei der Aufarbeitung dieser Widerlichkeiten gegenseitig die Schuld in die Schuhe geschoben werden soll. Dabei trifft doch insbesondere uns fleischverzehrende Bürger, unsere Gesellschaft, der größte Teil einer sprichwörtlichen Schuld. Ist unser Konsumverhalten doch sonst von ganz genauer Qualitätskontrolle bestimmt, setzt dieser Mechanismus beim Fleischkauf aus. „Geiz ist geil“ ist leider beim Lebensmittel-, insbesondere beim Fleischkauf, zum Credo geworden.

Jeder weiß, wie es richtig wäre. Den Fleischkonsum reduzieren, das Fleisch als tierisches Erzeugnis schätzen und nicht vergessen, dass dahinter eine Kreatur steht, der Gefühle und vor allem Schmerzempfinden nicht abgesprochen werden können.

„Ich jedenfalls werde ab sofort meinen Fleischbedarf auf ein absolutes Mindestmaß beschränken, denn dieser Schlachthof ist wahrscheinlich nur die Spitze eines Eisbergs.“

Elisabeth Weigt,
Leserin aus Nideggen

Nun steht Weihnachten vor der Tür. Von Nächstenliebe ist die Rede und von Menschlichkeit. Wäre es nicht ein schönes Ziel, zu Weihnachten und an allen weiteren Tagen des Jahres genau nachzudenken, ob man selbst zu der Art von Konsumenten gehören möchte, die Zustände wie die, die im Schlachthof Düren aufgedeckt wurden, überhaupt erst verursachen?

Ursula Klautsch aus Aachen meint zu den Tierquälereien:

Der Schlachthof bedeutet für die Tiere das Finale eines unendlichen Leidensweges. Dieses Übel zu beseitigen, ist nicht nur Aufgabe der Politik, die der Fleischlobby ihr tierverachtendes Handwerk legen muss; auch die Verbraucher tragen dazu bei. Wer ein Kilo Fleisch billig und noch billiger kauft, ist auch schuld am Leiden der Tiere.

Tiere sind Lebewesen, die denken und fühlen. Sie erleiden Todesängste unter den Qualen, die ihnen von „Menschen“ zugefügt werden, bis zur letzten Minute ihres Lebens. Diese armen Geschöpfe haben ein Recht darauf, von uns respektiert und vor diesen unsäglichen Quälereien geschützt zu werden. Das sind wir ihnen schuldig – schließlich bezahlen sie unsere Lust auf Fleisch mit dem Wertvollsten, was sie haben: mit ihrem Leben, das unter diesen Umständen nicht wirklich lebenswert ist. Erinnern wir uns an eine Aussage von Gandhi: Die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nation kann man daran messen, wie sie ihre Tiere behandelt.

Elisabeth Weigt aus Nideggen reagiert ebenfalls auf den Bericht „Tierquälerei, Inkompetenz, Hygienechaos“:

Die geschilderten Zustände im Schlachthof Düren übertreffen bei weitem das Maß des Erträglichen. Unfassbar, dass derartige Schlachtmethoden (Exzesse) in Deutschland, einem angeblich hoch zivilisierten Land, möglich sind.

Mit der Entlassung des Subunternehmens und seiner Mitarbeiter ist das Problem nicht gelöst. Als Unternehmer weiß ich über die Abläufe in meinem Betrieb Bescheid. So kenne ich das jedenfalls als Mitarbeiterin für die Geschäftsleitung eines mittelständischen Industriebetriebs. Auch die aufsichtführende Behörde, das Kreisveterinäramt, muss unbedingt in die strafrechtlichen Ermittlungen mit einbezogen werden. Hier liegen wohl eklatante Versäumnisse vor.

Und was sind das für Menschen, die ihre zum Teil abgehalfterten Tiere diesem grausamen End-Schicksal überlassen? Sind ihnen die Verhältnisse vor Ort eventuell nicht bekannt? Ich jedenfalls werde ab sofort meinen Fleischbedarf auf ein absolutes Mindestmaß beschränken, denn dieser Schlachthof ist wahrscheinlich nur die Spitze eines Eisbergs.

Ihr Folgebeitrag „Schlachthöfe sind eine rechtsfreie Zone“ vom 8. Dezember bestätigt meine Vermutung, dass Schlachthöfe wohl wirklich rechtsfreie Räume sind.

Vera Boltersdorf aus Merzenich beschäftigt auch der Skandal am Dürener Schlachthof:

Wenn Schlachthöfe Fenster hätten, würde kein Mensch mehr Fleisch essen, hat einmal ein kluger Mann gesagt. Unsagbares Leid wurde dank der Organisation „Soko Tierschutz“ aufgedeckt. Düren ist mit Sicherheit keine Ausnahme! Nicht nur hier sind Tierquälerei, Missstände und Leid an der Tagesordnung. In allen „Fleischfabriken“, egal ob es sich um Hühner, Schweine oder Rinder handelt – die Liste lässt sich beliebig erweitern–, kann man nur erahnen, welche furchtbaren Zustände dort herrschen. Ebenso betroffen ist die „Milchindustrie“, die nicht den Tierschutz, sondern den Profit im Fokus hat.

Wenn der Mensch nicht umdenken möchte, die Tierschutzrichtlinien nicht deutlich verändert und die Kontrollen wesentlich verschärft werden, müssen wir mit solch furchtbaren Berichten leben. Der Verbraucher hat das Recht auf mehr Tierschutz und eine Änderung mit seinem Kaufverhalten in der Hand.

Jedes Lebewesen hat das Recht auf ein würdevolles und artgerechtes Leben und Sterben. Jedes Tier empfindet Schmerz genauso wie wir. Wir haben kein Recht, diese Lebewesen dem Konsum zu opfern.

Wolfgang Angert aus Inden konstatiert:

Es ist immer wieder unfassbar, mit welchen „Menschlichkeiten“ der Mensch aus Profitgier mit Tieren umgeht. Vielen, vielen Dank an die „Soko Tierschutz“ für die Aufdeckung dieses Skandals! Wie fast immer bei solchen Skandalen sind die Behörden (Veterinärämter) völlig überrascht über solche Zustände . . . Dieser Skandal und die vielen anderen Skandale dieser Art können nur geschehen, weil Behördenvertreter sich von Lobbyisten „überzeugen“ lassen und zum Teil schlichtweg korrupt sind.

Claudia Thielen aus Nideggen betont hinsichtlich des Schlachthofskandals:

Leider ist dieser tragische Fall von schlimmster Tierquälerei in deutschen Schlachthöfen kein Einzelfall. Leben wir tatsächlich in einer Gesellschaft des völligen Ignorierens und Wegschauens?

Wir alle haben es als Konsument und Verbraucher selbst in der Hand, das Elend der Tiere zu beenden. Muss jeden Tag Fleisch auf den Tisch?

In Zeiten, in denen sich das Klima wandelt, Insektensterben, Vogelsterben und entsetzliche Tierquälerei etc. zur Erreichung einer noch höheren Gewinnmaximierung auf der Tagesordnung stehen, sollten wir uns alle berufen fühlen, für uns selbst und für folgende Generationen, einen aufrichtigen und respektvollen Umgang mit Mensch und Tier wieder zu erlangen. Sind wir, die selbst ernannte Krone der Schöpfung, es nicht unserer Umwelt und den Lebewesen, die uns am Leben halten, schuldig? Ist unsere Gesellschaft unwiderruflich von Gleichgültigkeit und Ignoranz zerfressen? Ich bin es nicht!

Waltraud-Hedwig Moll aus Stolberg betont:

Zuerst möchte ich mich dafür bedanken, dass Ihre Zeitung dem Thema „Tierquälerei in Schlachthöfen“ ausführlichen Platz bietet, um den Verbraucher über diese unmenschlichen Haltungs- und Schlachtmethoden zu informieren. Wieso lautet die Allgemeinbezeichnung der dem Menschen dienenden Tiere noch immer „Nutzvieh“? Sollte es nicht besser „Ausnutzvieh“ heißen?

Als Vegetarierin bin ich nicht für den Verzicht der Menschen auf Fleischwaren. Es gibt auch die verantwortlich handelnden Tierhalter und Schlachter. Jedoch ein klares Nein zu schlechter Haltung der Tiere und Töten im Akkord. Wie kann man im Veterinäramt überrascht über Schlampereien sein, wenn die Tötung von 35 Tieren stündlich überhaupt erlaubt ist? Meine bange Vermutung ist, dass noch mehr geschundene Tiere in dieser Zeit ihr Leben lassen müssen.

Wir Menschen nehmen so viel von unseren Schlachttieren. Sie sind die „Lieferanten“ für Wolle, Leder, Fleisch, Fisch, Eier, Federn und vieles mehr. Es macht mich nur traurig, dass viele nicht darüber nachdenken, dass die Tiere auch Mitgeschöpfe sind und so unmenschlich mit ihnen umgegangen wird.

Jochen Reinartz aus Düren reagiert auf die beschriebenen Zustände im Schlachthof mit „Wut, Abscheu, Frust“:

Nach über 30 Jahren Berufserfahrung als Landwirt und Schweinehalter aus Düren machen mich solche Bilder einfach nur wütend und sprachlos. Natürlich müssen die Tiere geschlachtet werden, wenn man Fleisch essen will, aber so nicht. Auf meinem Betrieb werden Zuchtsauen gehalten, Ferkel geboren und die Ferkel nach zehn Wochen an regionale Schweinemäster verkauft. Gerade die Ferkelaufzucht ist mit sehr viel Tierbetreuung Tag für Tag verbunden, und ich will, dass meine Ferkel auch nach dem Verkauf bis hin zur Schlachtung gut behandelt werden. Ich kenne meine Schweinemäster und deren Ställe, und wir tauschen uns intensiv aus. Den Transport der Schweine zum Maststall und später zum Schlachthof Düren führt der Schweinemäster selbst durch. Durch den Eigentransport und die kurzen Wege zum Schlachthof haben wir Landwirte das Tierwohl bis zu diesem Zeitpunkt in eigenen Händen. Man denkt, man hat alles getan und mit dem Schlachthof Düren, der regional vermarktet, einen guten Partner. Und dann so eine Sauerei. Ich verlange eine lückenlose Aufklärung der Umstände und sofortige Abstellung. Aber wie kommt das? Ständig nur billig, billig, ein Sonderangebot nach dem nächsten. Die Zeche zahlen die Landwirte, die Schlachter, die unter enormen Zeitdruck im Akkord arbeiten, und letztendlich die Tiere. Das Karussell dreht sich immer schneller. Gab es zu Beginn meiner Berufslaufbahn im Kreis Düren noch über 100 Schweinehalter, so sind wir heute nur noch drei. Den Strukturwandel können wir nicht mehr zurückdrehen, aber wir können versuchen, ihn zu stoppen. Dabei helfen nur faire Preise, die auch bei den Landwirten und Schlachtern an der Basis ankommen. Eine Schließung des Schlachthofes in Düren wäre fatal für die Landwirte in der Region und würde weite Transportwege für lebende Tiere bedeuten.

Sven Reichert aus Jülich fordert Konsequenzen:

Es ist ein Skandal, was im Dürener Schlachthof passiert ist, aber es ist ein fast noch größerer Skandal, was in der Kreisverwaltung Düren passiert. Nicht nur, dass der Schlachthof Frenken ohne Probleme weitermachen kann und damit weiter gegen das Tierschutzgesetz, gegen die Schlachtverordnung und massiv gegen Hygienevorschriften verstößt, nein, er bekommt auch uneingeschränkte Rückendeckung der Kreisverwaltung. Dieser Schlachthof gehört geschlossen! Punkt! Es müssen persönliche und strafrechtliche Konsequenzen gegen Hans-Reiner Frenken und die ausführenden Mitarbeiter im Betrieb eingeleitet werden. Die zuständigen Mitarbeiter aus der Kreisverwaltung gehören entlassen und ebenfalls rechtlich bestraft. Wir müssen der „Soko Tierschutz“ dankbar sein für die geleistete Arbeit. Es wurden massive Verstöße am Schlachthof Frenken entdeckt, die in anderen Kommunen zur Schließung führten und für rechtliche Schritte gegen Betreiber und Kommunalmitarbeiter sorgten. Und im Kreis Düren? Es wird nicht nur ignoriert, man schützt die Täter. Auch von der zuständigen Amtsleiterin Mounira Bishara-Rizk ist derzeit keine Reaktion zu hören, die zum Ende der Tierquälerei beiträgt. Ein Skandal! Landrat Spelthahn, schließen Sie den Schlachthof, entlassen Sie Ihre Mitarbeiter oder treten Sie zurück!

Fehlt Herrn Spelthahn der Mut, sich mit einem Großbetrieb anzulegen? Nach Anzeigen an diversen Stellen bleibt nur zu hoffen, dass wenigstens die Staatsanwaltschaft Aachen das macht, wofür sie da ist.

Die Frage bleibt: Was ist der größere Skandal? Die Bedingungen im Schlachthof Frenken oder die Untätigkeit der Kreisverwaltung Düren? Herr Spelthahn, Herr Frenken, Frau Bishara-Rizk und alle Mitarbeiter aus Kreisverwaltung und Schlachthof, schämen Sie sich eigentlich nicht für das, was Sie tun und getan haben?

Mia Heiartz aus Aachen ist sich sicher: Jeder Schlachthof ist wie der Dürener Schlachthof!

Ja, es ist tatsächlich so: Das Fleisch auf unseren Tellern kommt nicht ursprünglich aus dem Supermarkt oder aus der Metzgerei. Auch wenn die meisten Fleischesser das gerne ausblenden, kommen fast alle Würste, Schinken, Hamburger und Steaks aus leidvoller Massentierhaltung, und im Schlachthof wird das lebendige Fleisch – ob bio oder nicht – bestialisch bis zum erlösenden Tod getrieben, eingepfercht und mit Elektroschocks gefoltert. Wir alle wissen, wenn wir über die Herkunft des Fleischs auf unseren Tellern nachdenken, dass die grausigen Zustände im Dürener Schlachthof kein Einzelfall sind, sondern dass es so in jedem Schlachthof zugeht. Das sind durchweg Akkord-Betriebe mit emotional völlig abgestumpftem Personal, weil diese grauenvolle Arbeit jede Sensibilität und Empathie zerstört. Wer den Weg seines Wiener Schnitzels – vom mutterlosen Kälbchen, das auf tagelangen Transporten im Lkw rücksichtslos verletzt und geschunden wird, bis es im Schlachthof einen grausamen Tod erleidet – einmal real verfolgt hat, wird diese Bilder nicht mehr aus dem Kopf bekommen. Die Besichtigungen eines Mega-Schweinestalls, eines Truthahn- Aufzuchtbetriebs und eines Kälbertransports und der Besuch eines Schlachthofs sollten unbedingt Pflichtveranstaltungen für jeden Schüler sein. Wer dann noch mit Genuss Fleisch essen kann, soll es tun.

„Wir haben kein Recht, diese Lebewesen dem Konsum zu opfern.“

Vera Boltersdorf,
Leserin aus Merzenich

15.12.2017 / Heinsberger Zeitung / Seite 27 / Leserbriefe