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Das Wichtigste ist die Kommunikation

Der gehörlose Rob Davis arbeitet bei der VHS Rur-Eifel als Dozent für Gebärdensprache. Operationen halfen nicht.

Düren. Rob Davis arbeitet als Dozent für Gebärdensprache an der VHS Rur-Eifel in der Abteilung der pädagogischen Fachkraft Erika Dichant. Sie ist für den Bereich Fremdsprachen zuständig.

Seit einiger Zeit schon ist er mit seinem Hund Bailee, einer Pudel-Labrador-Mischung, in Sachen Gebärdensprache unterwegs. Sein Ziel: „Ich möchte die Situation von Gehörlosen und der Menschen in ihrer Umgebung verbessern.“ Auffällig an dem Engländer mit deutschem Pass sind die beiden Geräte rechts und links am Kopf hinter seinen Ohren.

Im Alter von 40 Jahren

Wer weiß, dass Rob Davis im Alter von 40 Jahren von einer Krankheit heimgesucht wurde, die ihn von Operation zu Operation immer mehr zum Gehörlosen machte, vermutet richtig: Die Geräte dienen dazu, ihren Träger am Leben teilnehmen zu lassen. Denn die Welt wird zu einem hohen Prozentsatz über Geräusche, Töne und Wörter erfahren.

Mit den Geräten allein könnte Davis recht wenig erfahren. Deshalb hat er gelernt, von den Lippen zu lesen und sich durch Gebärden – Gestik, Körperhaltung und Mimik – zu verständigen.

Immer mehr verabschiedet

„Das Wichtigste für den Menschen ist die Kommunikation“, stellt Davis fest, „und nach meiner Erkrankung verabschiedete ich mich allmählich von den Menschen, weil ich sie immer weniger wahrnahm.“ Erblinden habe eine andere Qualität, meint Davis. Blinde können hören. Sie erspüren über das Ohr Wärme, Zuneigung oder Abneigung in der Stimme des Dialogpartners und „verabschieden sich dadurch eher von den Dingen, weil sie sie nicht sehen und nur durch Ertasten wahrnehmen.“

Rob Davis war bis zu seinem endgültigen Ausscheiden Ende 2015 bei einem deutschen Kreditinstitut beschäftigt. Er war als Börsenmakler und Investmentberater in der Welt unterwegs, bereiste zahlreiche Länder, hatte Kontakte zu vielen Menschen. Die Diagnose der Ärzte war ein Schock. Doch Davis wollte nicht einfach kapitulieren.

Misstrauisch und unzufrieden

Denn ein solcher Zustand führt sehr oft, wie die Krankenbögen vieler Gehörloser, egal ob bei Früh- oder Späterkrankten, berichten, zu weiteren Krankheiten. „Nicht-hören-können“ schließt Menschen in hohem Maße aus, macht sie misstrauisch und unzufrieden.

Rob Davis wehrte sich gegen diese drohende Kommunikationslosigkeit und ihre Folgen. Er lernte die Gebärdensprache und wie man von den Lippen abliest. Mit seinem Können möchte er jetzt anderen Gehörlosen helfen. Aber nicht nur ihnen, sondern auch den Menschen, die sich oft im Zusammenleben mit behinderten Menschen ohnmächtig fühlen und dabei nicht selten Verhaltensweisen an den Tag legen, die sie eigentlich gar nicht wollen.

Davis‘ Gehilfin ist Bailee. Sie wird zum Assistenz- und Therapiehund ausgebildet. Im Augenblick beherrscht sie schon 15 Begriffe in der Gebärdensprache.

Das Tätigkeitsfeld der beiden „Therapeuten“ ist vielfältig. Es beginnt in Familien, in denen es zu Konflikten kommt, weil die Hörenden oft nicht wissen, wie sie auf ihr gehörloses Familienmitglied reagieren sollen. Bailee, erklärt Rob Davis, übernehme da oft die Rolle des Eisbrechers, der eine stockende Kommunikation in Schwung bringen und Ängste abbauen könne.

Neben Familien sind Kindertagesstätten, Grundschulen und weiterführende Schulen sowie Förderschulen bevorzugte Einsatzorte. Immer häufiger fordern Davis auch Seniorenheime, Pflegedienste und Krankenhäuser an. „Stellen Sie sich einmal vor“, regt der Gebärdensprachelehrer an, „wie es einem Gehörlosen in einem Krankenhaus ergehen kann?“ Im Trubel des täglichen Betriebs dürfte er untergehen, wenn da nicht die eine oder andere Krankenschwester, der eine oder andere Arzt versucht, den „Patienten mit Handicap“ zu verstehen. Mitarbeiter in Kliniken oder ähnlichen Einrichtungen mit Grundkenntnissen in Gebärdensprache oder Lippenlesen könnten da manches Missverständnis vermeiden.

Für Schüler sei das Erlernen der Gebärdensprache leicht, da sie die Verständigung mit Hilfe von Zeichen, angefangen mit dem Fingeralphabet über das Lippenlesen zur Gebärdensprache, spannend fänden, erzählt Davis. Babys verständigen sich mangels Sprache schon früh durch Zeichen, die ihre Mutter entschlüsselt. Schnell können sie der Mama auch ohne Schreien klarmachen, dass sie Hunger oder Durst haben. Das Ballen der kleinen Hände zu Fäusten kann die Mutter verstehen. Gebärdensprache, diese Erkenntnis hat Davis im Laufe der Zeit gewonnen, fördert bei Gehörlosen, Kindern und Erwachsenen das Selbstbewusstsein.

Rob Davis und seine Assistentin Bailee haben es im täglichen Leben nicht immer leicht. Da begegnet ihnen Respektlosigkeit in Zügen und Bussen, ausgewiesene Sitzplätze werden verweigert, in Familien wird oft über den Therapeuten gelächelt, ohne ihn in das Gespräch einzubinden. „Es schmerzt schon“, gesteht Davis, „wenn ich von Menschen in die Behindertenschublade geschoben und für dumm verkauft werde.“

Doch diese Widrigkeiten werden aufgewogen von den positiven Erfahrungen mit Menschen, denen er helfen konnte. „Kultur und soziale Hintergründe spielen bei meiner Arbeit eine große Rolle“, bemerkt Davis. Voraussetzungen für seinen Beruf seien eine große Portion Menschenkenntnis, gepaart mit einem guten Schuss Humor, der einen auch über sich selbst lachen lasse. „Alle Menschen in sozialen Berufen sollten Grundkenntnisse in Gebärdensprache haben“, wünscht sich Davis, „weil sie dann erfolgreicher agieren können.“

Es gebe die Globalisierung in den Bereichen Finanzen und Wirtschaft, warum nicht auch Internationalität in Gebärdensprache? Welche Aufwertung bekämen Kaufhäuser, wenn Verkäufer die Zeichen Gehörloser verstehen würden? Rob Davis arbeitet noch ehrenamtlich. Ab 2017 will er, wenn möglich, als Gebärdensprachelehrer, natürlich in Begleitung von Bailee, in einer sozialen Institution oder einem Wohltätigkeitsverband arbeiten, um eine sichere Existenz aufbauen zu können. Zurzeit schreibt er ein Buch über sein Leben mit dem Titel „Ring frei für Runde 2“. Kein ungewöhnlicher Titel, wenn man weiß, dass der Autor einmal Boxer war.

„Stellen Sie sich einmal vor, wie es einem Gehörlosen im Krankenhaus ergehen kann?“

Rob Davis,

Dozent für Gebärdensprache

03.08.2016 / Dürener Zeitung / Seite 14 / Lokales