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Erzählen, was damals passiert ist

Erinnerungen von Jacqueline van Maarsen an ihre Freundin Anne Frank werden in einer App des WDR anschaulich

Köln Ihrer besten Freundin würde Jacqueline van Maarsen heute gerne sagen, dass sie ihr Ziel erreicht hat: „Sie wollte ja immer berühmt werden...“, erzählt die Niederländerin über Anne Frank. Das Tagebuch ihrer einstigen Mitschülerin wurde weltweit in 70 Sprachen übersetzt und wirkt als beeindruckendes Zeitzeugnis über die Verbrechen der Nazis an der jüdischen Bevölkerung bis heute nach.

„Es ist wichtig zu erzählen, was damals passiert ist“, sagt Jacqueline van Maarsen. Das hat die 90-Jährige mit ihrem Ehemann Ruud Sanders oft getan, in Schulen zum Beispiel. Ein noch größeres Publikum erreicht sie jetzt, weil sie auch dem WDR von den gemeinsamen Zeiten mit der berühmten Freundin erzählt hat – für die neue App „WDR AR 1933-1945“. Das AR steht für „Augmented Reality“ und beschreibt eine neue Art, sich Zeitzeugen per Tablet oder Smartphone ins Wohnzimmer einzuladen. Seit die App im Februar mit Berichten von Kriegskindern aus London, Leningrad und Köln an den Start gegangen ist, wurde sie laut WDR schon rund 170.000 Mal heruntergeladen.

Für Jacqueline van Maarsen war es natürlich „etwas Neues“, ihre Erinnerungen an die düsteren Zeiten über solche medialen Kanäle weiterzugeben. „Wieso muss das so sein?“ hat sich die 90-Jährige zunächst gefragt. „Aber es soll ja für junge Leute interessant sein“, sagt sie.

Ist es wohl auch. Ihr 18-jähriger Enkelsohn Joop hat die App ausprobiert und dabei nach eigenem Bekunden das Gefühl empfunden, „als ob man wirklich dabei wäre“. Für seine Oma war es nicht nur „als ob“, sie spürte echte Angst. Sie wurde 1929 in Amsterdam als Tochter eines jüdischen Vaters und einer katholischen Mutter geboren. Der Vater lässt Jacqueline und ihre Schwester 1938 bei der jüdischen Gemeinde eintragen – zum Entsetzen der Mutter, die Gefahr witterte. Die deutschen Besatzer stuften die Geschwister wegen des Eintrags als „Halbjuden“ ein, was in den Ausweispapieren vermerkt wurde. So musste Jacqueline im Herbst 1941 auf das Jüdische Gymnasium gehen, wo sie am ersten Schultag Anne Frank kennenlernte.

Ein Jahr lang blieben sie unzertrennliche Freundinnen, trotz oder gerade wegen ihrer Verschiedenheit. „Ich war eher ein ruhiges Mädchen, Anne nicht“, erzählt Jacqueline van Maarsen am Mittwoch in Köln, wo der WDR seinen App-Neuzugang präsentiert. Die Zeitzeugenberichte von Jacqueline van Maarsen und Hannah Goslar, einer weiteren Freundin, die Anne Frank in ihrem Tagebuch „Hanneli“ nennt – sollen ab dem 12. Juni im App Store und etwas später im Google Play Store zur Verfügung stehen.

An diesem Tag wäre Anne Frank 90 Jahre alt geworden – wäre sie nicht in ihrem Versteck in dem Amsterdamer Hinterhaus entdeckt und ins Konzentrationslager Bergen-Belsen gebracht worden, wo sie 1945 im Alter von 15 Jahren starb. Nur von ihrer „besten Freundin“ Jacqueline hat sie sich noch verabschiedet. „Ich muss weg, den Grund wirst Du wissen“, zitiert Jacqueline van Maarsen aus dem Brief, den Anne Frank im Versteck in ihr Tagebuch schrieb. Sie könne „nicht an jeden schreiben“, deshalb nur die Zeilen an Jacqueline, unterschrieben mit „Deine beste Freundin Anne“.

Die Adressatin erfährt das alles erst Jahre später, als der Nazi-Spuk vorbei ist. „Ich habe das nach dem Krieg von ihrem Vater bekommen“, sagt Jacqueline von Maarsen. Otto Frank hatte als einziger aus seiner Familie den Krieg überlebt. Die Freundin seiner Tochter hatte schon Jahre zuvor den Judenstern ablegen können, weil es ihrer Mutter gelungen war, die Anmeldung bei der jüdischen Gemeinde mit einem Versehen zu erklären. „Ich war ab dem Zeitpunkt keine Jüdin mehr“, erzählt Jacqueline van Maarsen.

Dennoch ist sie sensibel geblieben. „Der Antisemitismus ist noch immer da“, sagt sie. Und sie hält dagegen mit ihren Erzählungen. Bei der App erscheint sie wie ein Hologramm auf dem Bildschirm des Smartphones oder Tablets, das ansonsten die Umgebung des Nutzers abbildet. Darüber aber schieben sich immer wieder Szenen von damals, etwa aus Amsterdam während der Besatzungszeit.

Stefanie Vollmann, die Autorin des neuen App-Kapitels, hat bei Besuchen in Schulen schon gute Erfahrungen mit diesem Format gemacht. „Die Schüler reagieren super“, sagt sie. Die Mühe hat sich also gelohnt für die Oma von Joop.

Zum 90. Geburtstag

Neue Inhalte ab dem
12. Juni verfügbar

„Meine Freundin Anne Frank“ erscheint am 12. Juni. Die App „WDR AR 1933-1945“ ist dann in den App Stores von Apple und Google gratis erhältlich – für Apples Betriebssystem iOS ab Version 11.0, für viele Android-Smartphones mit Versionen ab 8.

06.06.2019 / Aachener Nachrichten - Stadt / Seite 9 / REGION & NRW