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Zwischen Solidarität und „Corona-Diktatur“

Mehrere Hundert Menschen aus unterschiedlichen Spektren gehen am Samstag auf die Straße. Friedlicher Protest.

Aachen Ein Nachmittag im Zeichen des Protestes – aus ganz unterschiedlicher Richtung, mit ganz unterschiedlicher Stoßrichtung. Neun Demonstrationen aus unterschiedlichen Spektren mit zusammen mehreren Hundert Teilnehmern fanden statt. Die einen richteten sich gegen die „Corona-Diktatur“ und die Einschränkungen zwecks Eindämmung der Pandemie, die anderen stimmten diesen Einschränkungen meist zu und kritisierten Rechtsextremismus, Rassismus und Verschwörungsglauben.

Gegenüber dem Hauptbahnhof fand die größte Versammlung an diesem Samstag statt, gerichtet gegen die AfD. In Spitzenzeiten demonstrierten rund 300 Personen aus dem antifaschistischen und linken Spektrum. Christian Walter von der Linksjugend wies darauf hin, dass die AfD angesichts der aktuellen Lage zwar vorgebe, sich um die sozialen Belange der Menschen zu kümmern. Gleichwohl wolle die Partei in Wahrheit soziale Missstände verschlimmern. Nachdem man erfahren hatte, dass die AfD-Kundgebung weitaus kleiner ausfiel als geplant, lästerte einer der Redner, daran erkenne man „deren Größenwahn“.

Ursprünglich hatte die AfD 300 bis 500 Teilnehmer erwartet. Letztlich waren rund 90 Parteianhänger aus der Region und dem übrigen Rheinland nach Aachen gekommen, um für ein Ende der Corona-Einschränkungen zu demonstrieren. Zufrieden dürfte die Partei darüber nicht sein, immerhin sprachen zu den Anhängern zwei Landtagsabgeordnete, der Landeschef und Bundestagsabgeordnete Rüdiger Lucassen und der Aachener Ratsherr Markus Mohr. Die auf zwei Stunden anvisierte Kundgebung des auf dem weiträumig abgesperrten Bahnhofsvorplatz verloren wirkenden Grüppchens dauerte letztlich nur eine Stunde. Mohr äußerte in seiner Rede vage Drohungen gegen die Regierung. Wenn seine Partei selbst Regierungsverantwortung übernehme, gehe man im Bundeskanzleramt in die „Kellerarchive“ und an die „geheimen Aktenschränke“. Für ihre aktuellen Fehlentscheidungen werde man die Verantwortlichen dann „zur politischen Rechenschaft ziehen“, so Mohr.

Am Willy-Brandt-Platz hatten sich rund 80 bis 100 Menschen aus dem linken politischen Spektrum versammelt, darunter der Aachener Bundestagsabgeordnete der Linken, Andrej Hunko. Hunko verwahrte sich in seiner Rede davor, als spinnerter Verschwörungstheoretiker oder unkritischer Impfgegner abgestempelt zu werden. „Ich bin selber gegen diverse Sachen geimpft“, sagte er, drückte gleichzeitig aber auch seine Abneigung gegen Impfzwänge – insbesondere als mögliche Folge der Corona-Epidemie – aus. Gegen eine Impfpflicht hatten sich übrigens am Wochenende zahlreiche führende Bundespolitiker ausgesprochen.

„Wir sind in der letzten Woche von anderen Demonstranten überrannt worden, die sich nicht an die Regeln hielten. Das wollen wir nicht.“

Gabi Dery,
Organisatorin des geschütztes Demonstrationsbereichs am Theater

Die Protestler hatten sich die Verteidigung der Grundrechte auf die Fahnen geschrieben mit durchaus diskussionswürdigen Argumenten. Hunko und Veranstaltungsleiter Walter Schumacher verwiesen auf ein Zitat von Edward Snowden, der die Situation so beschreibe: „Das Virus ist schädlich, aber die Zerstörung der Rechte ist tödlich.“

Auf dem Markt waren am Samstagnachmittag rund 40 Menschen einem Aufruf der „Corona Rebellen“ zu einer unangemeldeten Versammlung gefolgt. Auf allen Kundgebungen gegen die Corona-Einschränkungen traf man unter den Teilnehmern auf Anhänger von Verschwörungsmythen. Mund-Nasen-Schutzmasken seien etwa ein „Merkel Maulkorb“, die Politik errichte angesichts der Einschränkungen eine „Diktatur“ und wolle „Zwangsimpfungen“ durchsetzen, angeblich um die Menschen zu chippen und sie so besser überwachen zu können.

Am Elisenbrunnen hatte die Organisatorin der Vereinigung „Seebrücke“, Katharina Grudin, Vertreter verschiedener NGO um sich geschart, deren gemeinsames Anliegen es auch unter den Bedingungen der Corona-Epidemie ist, das Augenmerk auf die Situation der Flüchtlinge in den Lagern in Italien und Griechenland zu richten. Für sie gelte genau wie für Bürger in den EU-Staaten, dass sie vor Ansteckungen geschützt werden müssten, unter Fluchtbedingungen sei dies allerdings oftmals noch erheblich schwieriger als vor Ort.

Auf dem Theatervorplatz wiederum hatten sich auf Betreiben der Gruppe „Parents for Future“ solche Menschen – dies mit Schutzmasken und genau eingezeichneten Abstandsbereichen – eingefunden, die aus Altersgründen oder wegen Vorerkrankungen zu den besonders gefährdeten Personengruppen gehören. Für sie und ihr Anliegen sprach Organisatorin Gabi Dery. „Wir sind in der letzten Woche von anderen Demonstranten überrannt worden, die sich nicht an die Regeln hielten. Das wollen wir nicht“, sagte die Demonstrantin aus dem Bereich der Klimaaktivisten. Mitglieder des Orchesters hatten sich auf den Theaterstufen eingefunden und brachten in verschiedenen Besetzungen ein Ständchen. Zum Bespiel spielten Musiker auf einer Klarinette und einem Fagott Duos von Mozart, Intendant Michael Schmitz-Aufterbeck hörte es sich mit Freude an.

Eine besondere Darbietung – ebenfalls als Mahnwache für die Rückgewinnung der Grundrechte gedacht – gab es auf dem Katschhof zu sehen. Dort meditierten rund 30 Frauen und Männer im Schneidersitz. Es sei das dritte Mal, berichtete Organisator Kurt Haasenstrauch, dass man sich in dieser Art zusammenfinde und die Wiederherstellung der grundgesetzlich verbrieften Rechte der Bürger anmahne: „Wir bleiben so lange, bis das alles vorbei ist“, sagte Haasenstrauch. Aus polizeilicher Sicht verlief der Samstag ohne besondere Vorkommnisse, sagte Polizeisprecherin Petra Wienen auf Anfrage dieser Zeitung.

18.05.2020 / Stolberger Nachrichten / Seite 14 / LOKALES