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EIN BLICK AUF DEN BISHER TOTEN WINKEL

Vortrag über den 2. Weltkrieg in der Region. Konrad und Benedikt Schöller stehen immer wieder in der Kritik.

Kreis Düren Zu Hause gelten sie oft als Querulanten und Nestbeschmutzer. Das sagen Konrad und Benedikt Schöller über sich selbst. Vater und Sohn stammen aus den Höhenlagen der Eifel, Nideggen-Schmidt, um genauer zu sein. Weil sie die Art kritisch aufarbeiten, auf die in ihrer Heimat an einigen Orten an den 2. Weltkrieg erinnert wird, stehen sie selbst häufig in der Kritik. In Jülich berichteten sie, welche Probleme auftreten, wenn man die Weltkriegsgeschehnisse in der Region mit den Maßstäben professioneller Geschichtswissenschaft messen will. „Die Erinnerungslandschaft Nordeifel – ein Tummelplatz für Geschichtsrevisionisten?“ lautet die Überschrift über einem Vortrag, den sie jetzt im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Zwischen Führer und Freiheit. Bombenkrieg und Befreiung an der Rur“ in den Räumen der VHS Jülicher Land gehalten haben.

Problematische Erinnerungen

Das Stadt- und Kreisarchiv Düren und das Museum Zitadelle haben die Reihe auf die Beine gestellt, um an die Kriegsereignisse vor 75 Jahren in der Region zu erinnern. 35 Menschen wollten hören, warum die Art der Erinnerung an die Ereignisse so problematisch ist, die heute als Krieg im Hürtgenwald bekannt sind.

„Es reicht eben nicht, sich damit zu beschäftigen, wer wo, hinter welchem Baum, um wie viel Uhr wen erschossen hat“, sagte Konrad Schöller. Das Aufarbeiten der Kriegsgeschehnisse könne nicht nur auf die Kampfhandlungen beschränkt werden. „Stattdessen müsste man auch über Opfer wie die vielen Kriegsgefangenen reden, die es in unserer Region gegeben hat“, führte Vater Schöller einen bisher toten Winkel auf. Beide Schöllers stellten aber auch klar, dass sie weder die Inhaber der Deutungshoheit über die Kämpfe 1944/45 im Bereich zwischen Eupen, Monschau, Düren und Aachen seien, noch maßen sie sich an, einen kompletten Überblick zu haben. „Da ist noch sehr viel Forschung notwendig“, spielten sie auf das Thema der Kriegsgefangenen an. Das sei einer ihrer Schwerpunkte. „Aber für uns alleine ist das kaum zu bewältigen“, schilderte Konrad Schöller.

„Ich verstehe die gut gemeinte Intention des Kriegsmahnmals in Schmidt. Es ist eine Aufforderung zur Versöhnung und eine Mahnung zum Frieden.“

Benedikt Schöller

Schlechtreden wollen Konrad und Benedikt Schöller die vielerorts vorherrschende Art der Erinnerung nicht. „Ich verstehe die gut gemeinte Intention des Kriegsmahnmals in Schmidt. Es ist eine Aufforderung zur Versöhnung und eine Mahnung zum Frieden“, sagte Benedikt, Studienrat für Geschichte und Geographie am Gymnasium Bad Münstereifel. „Sie starben nicht vergeblich, denn sie gewannen den Frieden zwischen unseren Völkern“, ist auf dem Mahnmal zu lesen auf Deutsch und Englisch. Problematisch sein, dass die Botschaft auch anders interpretiert werden könne. „Die Kriegsziele der Alliierten und der Wehrmacht werden hier gleichgesetzt: den Frieden gewinnen. Die Wehrmacht war Teil eines verbrecherischen Systems. Sie hat nicht den Frieden gewonnen. Das ist verklärte Geschichte“, sagte Benedikt Schöller. Sein Vater und er haben angeregt, dass das Mahnmal auf einer zusätzlichen Tafel kommentiert und eingeordnet werden könnte. Auch deswegen gelten sie bei vielen, die das Thema ebenfalls besetzen, als Nestbeschmutzer. Der Rat der Stadt Nideggen diskutiert den Vorschlag im Moment.

Ein weiterer schwieriger Ort des Gedenkens sei die Pfarrkirche Vossenack, in der ein Fenster montiert ist, dass die Veteranen der Wehrmachts-Einheit Windhunde gestiftet haben. Das Fenster zeigt einen Pelikan, der seine Jungen mit seinem eigenen Blut ernährt. „Der Opfertod Christi ist aber nicht mit dem Tod der Wehrmachtssoldaten vergleichbar“, schilderte Konrad Schöller, Rechnungsprüfer beim Kreis Düren, seine Sichtweise. Der Opfertod von Wehrmachtssoldaten sei ein revisionistischer Mythos, der anschlussfähig für rechtsextremes Gedankengut sei.

Es gebe weitere solcher Beispiele in der Region von einer Erinnerungskultur, die uminterpretiert werden könne, wie Benedikt Schöller erklärte. Er erwähnte in diesem Zusammenhang Zitate des ehemaligen Parteivorsitzenden der AfD Alexander Gauland, der gesagt hat, dass es wieder möglich sein müsse, stolz auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen zu sein und dass Hitler und die Nazis nur ein Vogelschiss in der deutschen Geschichte seien. „Ich empfinde das Vogelschiss-Zitat als Verhöhnung der Opfer des Krieges. Wenn ich mir diese Worte durch den Kopf gehen lasse, dann schüttelt es mich“, sagte Schöller und erhielt Zustimmung aus den Reihen der Zuhörer.

„Es reicht eben nicht, sich damit zu beschäftigen, wer wo, hinter welchem Baum, um wie viel Uhr wen erschossen hat.“

Konrad Schöller

Hoffnung setzen die Schöllers in ein Projekt, das der Osnabrücker Geschichtsprofessor Christoph Rass im kommenden Jahr im Hürtgenwald plant. Mit Unterstützung des Landschaftsverbands Rheinland sollen Grauzonen im Kriegsgedenken durchleuchtet und tote Winkel sichtbar gemacht werden. „Wir müssen gut gerüstet sein mit historischen Fakten“, entgegnete Benedikt Schöller auf eine Zuhörer-Frage, wie man in den Kampf um die Deutungshoheit gehen könne.

18.12.2019 / Dürener Nachrichten / Seite 15 / LOKALES