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Irans Landbrücke nach Westen

Der Bogen reicht vom Kaspischen Meer bis zum Mittelmeer. Das Regime verschafft sich damit einen gewaltigen strategischen Vorteil gegenüber seinen Konkurrenten im Nahen Osten.

Limassol/Al QAim Die vom israelischen „Meir Amir Intelligence and Information Center“ (ITIC) am vergangenen Freitag veröffentlichten Satellitenbilder der syrisch-irakischen Grenzstädte Abu Kamal und Al-Qaim sind gestochen scharf. Sie zeigen frisch geteerte Parkplätze, Lagerhallen, von hohen Mauern umgebene Abfertigungsgebäude sowie eine breite Umgehungsstraße, die westlich von Abu Kamal in die Autobahn nach Damaskus mündet. Im Juni 2014 hatten die Terrormilizen des sogenannten „Islamischen Staat“ (IS) die strategisch bedeutende Grenzregion besetzt und kurz darauf das „Kalifat“ proklamiert.

Schreckensvision wird Realität

Dreieinhalb Jahre später konnten von iranischen Revolutionsgardisten kommandierte Schiitenmilizen aus dem Libanon, Irak und Afghanistan das Gebiet nach extrem blutigen Kämpfen vom IS zurückerobern und sich anschließend in den beiden Grenzstädten festsetzen. Teheran hatte damit auch das letzte Teilstück einer Landbrücke unter seine Kontrolle gebracht, die nun vom Kaspischen Meer über das iranische Kurdistan und den Zentralirak bis nach Syrien und die libanesische Bekaaebene reicht, wo sich ein größerer Stützpunkt der iranischen Revolutionsgardisten befindet.

Die Schreckensvision eines „schiitischen Halbmonds“, vor dem der jordanische König Abdullah II. bereits im Jahr 2004 gewarnt hatte, war damit Wirklichkeit geworden: Anstatt mit dem Flugzeug können iranische Revolutionsgardisten fortan auch auf dem nur schwer zu kontrollierenden Landweg ihre Verbündeten im Libanon und Syrien erreichen.

Der strategische Vorteil, den sich Teheran mit diesem Korridor vor allem gegenüber Israel verschafft hat, ist gewaltig. Entsprechend alarmiert reagiert vor allem die israelische Luftwaffe, die in den letzten eineinhalb Jahren fast im Wochenrhythmus mutmaßliche iranische Stellungen in Syrien bombardiert und Mitte Juli erstmals ein Militärlager pro-iranischer Schiitenmilizen im irakischen Kurdistan attackiert hat.

Wirklich aufgehalten werden, so klagen israelische Militärbeobachter, konnte der iranische Vormarsch dadurch offenbar nicht. Am 18. März erklärten die Kommandeure der syrischen, irakischen und iranischen Armee auf einer Pressekonferenz in Damaskus Israel „zum gemeinsamen Feind“ und kündigten für den Sommer die offizielle Wiedereröffnung der syrisch-irakischen Grenze bei Al Qaim an. Das Treffen zeige, dass „Iran trotz der gewaltigen Anstrengungen der USA der wichtigste Verbündete des Irak bleibe“, kommentierte Nicholas Heras vom „Centre for New American Security“.

Nach arabischen Medienberichten steht die „offizielle Wiedereröffnung“ des irakisch-syrischen Grenzüberganges bei Al Qaim unmittelbar bevor. Die Kleinstadt werde vollständig von den sogenannten „Volksmobilmachungskräften“ (PMU) kontrolliert. Die schiitischen Milizionäre würden trotz Zurechtweisungen der irakischen Zentralregierung ihre Befehle weiterhin aus Iran erhalten und auch befolgen, hieß es aus Al-Qaim.

In der Grenzstadt herrsche Aufbruchsstimmung, was auch daran liege, dass „die Grenze schon vor der offiziellen Freigabe durch die irakische und syrische Regierung passiert werden könne“. Neben Iran, der schon jetzt Waren im Wert von mehr als zehn Milliarden US-Dollar in den Irak exportiert, dürfte auch Syrien davon profitieren.

Nachdem die britische Marine Anfang des Monats einen iranischen Supertanker am Erreichen des syrischen Ölterminals von Banyias hinderte, könnten Irak und Iran nun auf dem Landwege der syrischen Armee den dringend benötigten Treibstoff liefern. Die Gefahr, dabei von der israelischen Luftwaffe angegriffen zu werden, ist allerdings hoch.

USA blicken eher zum Golf

Die noch in Syrien sowie im Irak stationierten US-Truppen dürften sich dagegen wohl kaum auf einen Abnutzungskrieg mit den pro-iranischen Kräften in beiden Ländern einlassen. Die rund 6000 amerikanischen Soldaten sind dazu nicht mehr in der Lage. Die Landbrücke in den Libanon, mit der sich Iran als führende Macht im Nahen Osten etablieren will, wird in Washington zwar als Bedrohung wahrgenommen. Trotzdem liegt der Fokus der USA auf dem Persischen Golf, den Iran in seinem Selbstverständnis als regionale Supermacht ebenfalls für sich reklamiert.

Zweites britisches Kriegsschiff im Golf

London lehnt Tausch der Öltanker mit Teheran ab

Im Streit mit dem Iran um die Festsetzung von zwei Öltankern hat Großbritannien einen Tausch ausgeschlossen. „Es gibt kein Geben und Nehmen“, denn es gehe um „internationale Gesetze“, sagte der neue britische Außenminister Dominic Raab am Montag. Derweil traf im Persischen Golf ein zweites britisches Kriegsschiff ein, um britische Handelsschiffe durch die Seestraße von Hormus zu eskortieren. Irans Präsident Hassan Rohani hatte jüngst die Möglichkeit eines Tanker-Tauschs angedeutet. „Es geht hier nicht um irgendein Tauschgeschäft“, erwiderte Raab.

Allerdings ist die Rechtsmäßigkeit des britischen Vorgehens umstritten. London begründet die Festsetzung des mit iranischem Erdöl beladenen Supertankers „Grace 1“ am 4. Juli vor dem Überseegebiet Gibraltar damit, dass er im Verstoß gegen EU-Sanktionen Erdöl zur syrischen Raffinerie Banjas bringen wollte. (afp)

30.07.2019 / Aachener Nachrichten - Stadt / Seite 4 / POLITIK