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Politiker nehmen Schüler an die Hand

Das Planspiel „Kids“ geht in Übach-Palenberg in die zweite Runde. Jugendliche nehmen an Ratssitzungen teil.

Übach-Palenberg Als Nico Einmahl 2017 seinen Kurzausflug in die Welt der Politik unternahm, ging es vor allem um Bäume. Gerade war bekannt geworden, dass der Roermonder Straße einige Veränderungen in Sachen Baumbestand bevorstanden, und wenn die Säge so ausgiebig lärmt wie damals, dann birgt das immer politischen Diskussionsstoff. Nico Einmahl, vergangenen Herbst noch Schüler der Willy-Brandt-Gesamtschule, erlebte nun die Innenansicht von dem, was andere über die Zeitung verfolgen. Auch den ein oder anderen Bebauungsplan hielt er in der Hand. Spannend war das. Und aufschlussreich.

Nico Einmahl hat 2017 an dem Planspiel „Kids“ teilgenommen. Das Akronym steht für „Kommunalpolitik in die Schulen“, obwohl der Modus eigentlich das genaue Gegenteil vorsieht: Schüler gehen in die Kommunalpolitik. Vergangenes Jahr nahmen acht Schüler teil, jeder wurde einem Ratsherrn zugelost und durfte diesem für einige Wochen über die Schulter gucken. Damit nicht nur das Arbeiten einer Fraktion erlebt wird, wurde nach der „Halbzeit“ durchgewechselt. Was Nico Einmahl betrifft, waren die Einblicke so nachhaltig, dass er der Politik auch über „Kids“ hinaus erhalten geblieben ist: Er ist jetzt sachkundiger Bürger der SPD.

Doch auch die übrigen Teilnehmer hatten offensichtlich ihren Spaß an „Kids“, was sich gut daran ablesen lässt, dass nunmehr die zweite Runde bevorsteht. Sascha Derichs von der SPD-Fraktion, auf dessen Engagement hin „Kids“ in Übach-Palenberg an den Start gegangen ist, rechnet damit, dass die Zahl der Schüler, die ja in Abhängigkeit zur Zahl der Politiker steht, nahezu verdoppelt werden kann: CDU, SPD, Grüne und UWG sind aufs Neue dabei, aber mit mehr Leuten.

„Eine Pflichtaufgabe“

Sascha Derichs bedauert allerdings, dass mit der Verwaltung der zentrale Akteur der Kommune fehlt. In anderen Städten, in denen „Kids“ stattfindet, etwa in der Städteregion Aachen, nähmen die Verwaltungen gleich die ganze Organisation in die Hand. In Übach-Palenberg hingegen winkte man vergangenes Jahr von vornherein ab: keine Zeit.

Auch wenn der Umfang 2018 wächst, bleibt „Kids“ in Übach-Palenberg ein eher kleines Planspiel. Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich als eine lokale und überaus politische Antwort auf sehr aktuelle Phänomene unserer Zeit verstehen lässt, seien es die Politikverdrossenheit und die schlechten Wahlbeteiligungen, seien es die Anzeichen von Erosion, die unser Gemeinwesen zeigt, sei es die Entfremdung von Staat und Bürger, sei es der Rückzug des Einzelnen auf sich selbst. Dietmar Lux, Ratsherr der CDU, ist es außerdem ein besonderes Anliegen, den Jugendlichen zu zeigen, wie er und seine Ratskollegen zu „linken und rechten Extremisten stehen“, nämlich so: „Die brauchen wir nicht.“Vielleicht auch aufgrund all dieser Zusammenhänge besuchten mit Arndt Kohn (SPD) und Sabine Verheyen (CDU) 2017 gleich zwei Europapolitiker die Abschlussveranstaltung.

Die Idealvorstellung ist, dass die jugendlichen Teilnehmer einen möglichst detaillierten Einblick in die politische Praxis bekommen, quasi vom Entstehen einer Idee über den Gang durch die Gremien bis zu ihrer Umsetzung – oder, je nachdem, zu ihrem Scheitern, denn auch das gehört ja zur Demokratie dazu. Das Zusammenspiel von Verwaltung, Politik und Öffentlichkeit soll nähergebracht werden, ebenso die Tatsache, dass hinter dem, was in den Medien sehr konzentriert und zwangsläufig nicht selten verkürzt an die Öffentlichkeit getragen wird, eine ganze Menge Diskussionen stehen: fraktionsintern hinter verschlossenen Türen und öffentlich in den Sitzungen von Ausschüssen und Rat.

„Es ist eine Pflichtaufgabe, für unseren Nachwuchs zu sorgen“, sagte Alf-Ingo Pickartz, der Fraktionsvorsitzende der SPD, diese Woche im Rahmen eines Pressegesprächs. Seine Ratskollegen, ob Parteifreunde oder von der Konkurrenz, konnten dem nur zustimmen. Und Dietmar Lux hat sich auch schon so seine Gedanken gemacht, wie man die Sache noch ausweiten könnte. „Wie wäre es eigentlich, wenn wir Ratsleute in die Schulen gehen und dort mal Unterricht geben?“, stellte er in den Raum. Mal sehen, ob diese Idee aufgegriffen wird.

Info

„Kids“, die Zweite: Diese Termine stehen schon

Die Auftaktveranstaltung zur zweiten Auflage von „Kids“ findet am Donnerstag, 11. Oktober, um 18.30 Uhr im Ratssaal statt. Die erste Runde dauert vom 29. Oktober bis zum 14. November und umfasst Sitzungen von Bauausschuss, Kulturausschuss und Rat. Die zweite Runde mit neuen Paarungen geht vom 15. November bis zum 30. November und umfasst Sitzungen von Hauptausschuss, Rat und Bauausschuss. Neben den Gremien besuchen die Schüler auch Sitzungen der Fraktionen und weitere Termine.

Für die Abschlussveranstaltung gibt es noch keinen Termin. Die Fraktionen können ihre Teilnehmer bis zur Ratssitzung am 26. September melden, Übach-Palenbergs weiterführende Schulen bis zum 2. Oktober.

22.08.2018 / Geilenkirchener Zeitung / Seite 13 / Lokales Geilenkirchen