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Gewaltopfern auf Augenhöhe helfen

Beim Verein Goldrute meldeten sich in der Pandemie-Hochphase spürbar mehr Migrantinnen, die in Not waren

Kreis Düren Die Goldrute ist eine Heilpflanze, deren Blätter bei der ersten Hilfe bei Wunden, zur Stillung der Blutung eingesetzt werden kann. Nach ihr ist der Dürener Verein benannt, in dem Migrantinnen sich zusammengetan haben, um anderen Migrantinnen zu helfen, wenn sie Opfer von häuslicher Gewalt sind. Die 18 Beraterinnen wurden in der Hochphase der Pandemie häufiger als üblich gebraucht: Im März, April und Mai waren es jeweils fünf Frauen mehr als sonst, die Hilfe suchten. „Das ist viel“, sagt Geschäftsführerin Nermin Ermis.

Sie und ihre Kolleginnen haben im vergangenen Jahr durchschnittlich 15 neue Fälle pro Monat bekommen – 187 Migrantinnen im ganzen Jahr. Aller Voraussicht nach dürften es in diesem Jahr mehr werden, weil bereits bis Ende Mai 95 Fälle gezählt wurden. Die Pandemie habe spürbar dafür gesorgt, dass es häufiger zu Stresssituationen in den Familien und zu Gewaltattacken gekommen sei, berichten die Beraterinnen. Eine Frau war beispielsweise zu Hause von ihrem Mann eingesperrt worden. Ihr gelang mit den Kindern erst die Flucht, als er etwas im Keller erledigte. „Ich brauche Hilfe. Ich kein Corona“, lautete ihr Hilferuf, erinnert sich Nermin Ermis.

16 Sprachen sprechen die Beraterinnen, die alle selbst einen Migrationshintergrund haben – sei es, weil sie selbst aus einem anderen Land stammen oder ihre Eltern oder Großeltern. Sie sprechen nicht nur die Sprache ihrer Klientinnen, sondern wissen auch um die Kultur in den Herkunftsländern. Beraterin Nursen Sahin-Schulze weiß aus Erfahrung: „Die Frauen sehen: Da ist jemand wie ich, die kann mich verstehen, der kann ich mich öffnen.“

Die Hemmschwelle, sich bei häuslicher Gewalt Hilfe zu holen, sei für Migrantinnen noch höher, als sie schon für deutsche Frauen sei, sagt Nermin Ermis. Oft sei der familiäre Druck noch größer. Wenn eine Frau es ausschließt, in ein Frauenhaus zu gehen, weil sonst die Ehre der gesamten Familie in Gefahr sei, dann werden die Beraterinnen von Goldrute kreativ und suchen andere Möglichkeiten. Es gibt aber auch Migrantinnen, die sich für das Frauenhaus entscheiden und in Kauf nehmen, dass sie sich damit von ihrer gesamten Familie lossagen – also sowohl von allen Verwandten in Deutschland als auch im Herkunftsland. „Das ist ein kompletter Einschnitt. Dieser Schritt ist immens schwer“, weiß Ermis.

Unterstützung für die Kinder

Wichtig ist den Ehrenamtlichen der Goldrute ihr ganzheitliches Vorgehen. Ihr Fokus liegt auf den Frauen, aber der Blick geht auch immer auf die Kinder. „Denn die Frauen können ohne ihren Mann einen Neuanfang machen, aber nicht ohne ihre Kinder“, sagt Beraterin Leila Amri. Die Expertinnen helfen deshalb, psychologische Betreuung für die Kinder zu organisieren, schulische Unterstützung, Betreuungsplätze oder auch Deutschkurse für die Frauen.

Das Migrantinnen-Netzwerk ist stolz darauf, in den eigenen Reihen auch Mitarbeiterinnen zu haben, die als Sachbearbeiterinnen im Team Zuwanderung der Job-com arbeiten. So eine gute Schnittstelle wünschen sie sich auch mit dem Jugendamt der Stadt Düren. Und noch einen Wunsch haben die Helferinnen: Dass die Polizei noch sensibler auf die Frauen in Migrantenfamilien eingeht. Viel zu häufig komme es vor, dass der Mann gut Deutsch spricht, die Frau aber nicht, und er sie deshalb gegenüber den Beamten bevormundet. Die Ehrenamtlichen berichten von Fällen, in denen Nachbarn wegen des Verdachts der häuslichen Gewalt die Polizei riefen, die Frau aber nicht um Hilfe bitten konnten, weil der Mann für sie „übersetzte“.

Den Mitbürgern möchten sie mit auf den Weg geben: „Nicht wegsehen!“ Man dürfe nicht denken „In deren Kultur ist das so“, sondern müsse eingreifen, Zivilcourage zeigen und die Polizei rufen, wenn man von häuslicher Gewalt erfährt.

Kontakt

Helferinnen sind rund um die Uhr erreichbar

Wer Hilfe braucht, erreicht den Verein Goldrute rund um die Uhr unter der Notrufnummer 0157/77023082. Das Migrantinnen-Netzwerk ist auch per Mail (info@goldrute-ev.de) oder in der Schenkelstraße 9a erreichbar. Infos unter www.goldrute-ev.de.

06.07.2020 / Dürener Nachrichten / Seite 11 / DÜREN