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Die Straße, die Dörfer und Bagger trennt

Kohlegegner demonstrieren gegen Abriss der L277. RWE: Rückbau ist zur Fortführung des Tagebaus notwendig.

Erkelenz/JAckerath Der Tagebaubetreiber RWE hat angekündigt, die L277 am Tagebau Garzweiler „zurückzubauen“. Der Abriss der Straße, die von Mönchengladbach-Wanlo vorbei an den Erkelenzer Dörfern Keyenberg, Lützerath und Holzweiler führt, wird von Anwohnern und Umsiedlungsgegnern als massiver Affront gewertet. Für sie sei die Straße die letzte Grenze zwischen den Dörfern und dem heranrückenden Tagebau. Das Bündnis „Alle Dörfer bleiben“ hat für Sonntag, 19. Juli, 12.30 Uhr, zu einer Demonstration auf der L277 aufgerufen. Am Montag, 20. Juli, sollen die Abrissarbeiten beginnen.

„Alle Dörfer bleiben“

Sabine Hollax von „Alle Dörfer bleiben“ sprach in einer Video-Botschaft, in der sie zu der Demonstration aufrief, darüber, warum sie sich so für den Erhalt dieser einfachen Landstraße einsetzt. „Die L277 ist das Einzige, was uns noch von den Baggern trennt. Deshalb ist sie uns so wichtig.“ Das Bild, das sie zeichnet: Bagger auf der einen Seite, die von der Zerstörung bedrohten Dörfer auf anderen Seite. Wenn es jedoch gelänge, die Straße zu retten, dann seien auch die dahinter liegenden Dörfer in Sicherheit.

Auch Naturführer und Waldpädagoge Michael Zobel rief seine Unterstützer dazu auf, am Sonntag am Tagebau Garzweiler gegen den Abriss der Straße und damit gegen den Tagebau Garzweiler zu demonstrieren. Zobel ist mit seinen Waldspaziergängen im Hambacher Forst bekannt geworden. Seit einiger Zeit organisiert er auch kohlekritische Spaziergänge mit jeweils mehreren Hundert Teilnehmern in den bedrohten Erkelenzer Dörfern. Am Sonntag ist ein „gelber Demozug“ geplant, der zu Fuß, mit Fahrrädern und Pferdekutschen über die L277 von Keyenberg nach Lützerath zieht. Los geht es um 12.30 Uhr mit einer Auftaktkundgebung, gegen 15 Uhr ist eine Schlusskundgebung bei Lützerath geplant. Zuletzt hatten die Tagebaugegner RWE unterstellt, unnötig schnell an Keyenberg heranzubaggern.

RWE verteidigt den Kurs

Das Unternehmen RWE verteidigte seinen Kurs am Mittwoch: „Zur Fortführung des Tagebaus ist der Rückbau der L277 notwendig, da die Straße im genehmigten Abbaufeld des Tagebaus Garzweiler liegt. Bereits in einigen Wochen wird die oberste (1.) Sohle die Straße erreicht haben“, teilte Pressesprecher Guido Steffen mit. Die Kohle unter den betroffenen Dörfern werde bereits ab 2024 benötigt.

Sperrung und Rückbau der L277 kämen für die Bewohner der betroffenen Orte „nicht überraschend, sondern waren lange absehbar“, hieß es in der Mitteilung von RWE. Die Maßnahme sei mit der Stadt Erkelenz und den Straßenbaulastträgern abgestimmt. „RWE liegen alle Genehmigungen für den Rückbau der L277 und die Fortführung des Tagebaus vor.“

Der Tagebau Garzweiler hat in der Energiewende und beim Kohleausstieg besondere Relevanz. Denn er soll die noch laufenden Kraftwerke mit Kohle versorgen. Er wird als einziger Tagebau im Rheinischen Revier über 2030 hinaus fortgeführt. Das sei nun im Kohleausstiegsgesetz geregelt, und so hatte es auch schon die Kohlekommission vorgeschlagen. „RWE wird die Hauptlast des deutschen Braunkohleausstiegs tragen und bis 2030 etwa zwei Drittel ihrer Kraftwerkskapazität im Rheinischen Revier stilllegen. Die verbleibenden Kraftwerke und Veredlungsbetriebe müssen weiter mit Kohle versorgt werden, die ab 2030 nur noch in Garzweiler gewonnen werden kann“, so RWE-Sprecher Steffen.

Lage bleibt umstritten

Im kürzlich beschlossenen Kohleausstiegsgesetz ist die energiewirtschaftliche Notwendigkeit des Tagebaus Garzweiler in den Grenzen der Leitentscheidung aus dem Jahr 2016 festgestellt worden. Umstritten bleibt die Lage am Tagebau aber trotzdem. Gegen die gesetzliche Festlegung wollen Tagebaugegner Verfassungsbeschwerde einlegen.

Sperrung und Umleitung

Keine Lkw in Keyenberg und Holzweiler

Die L277 wird ab Montagmorgen, 20. Juli, zwischen der Einmündung der L354 (Keyenberg) und Lützerath für den Verkehr gesperrt, um mit dem Rückbau der Fahrbahn beginnen zu können. Umleitungen werden eingerichtet. Die Straße wird seit Februar 2019 als Werks-
straße betrieben.

Mit den Verkehrsbehörden hat RWE ein „umfangreiches Verkehrskonzept“ abgestimmt. So wird der überörtliche Verkehr aus dem Raum Jackerath an Holzweiler vorbei über die L19 in Richtung Erkelenz/Autobahnen 44n und 46 geleitet. Für die regionalen Nord-Süd-Verkehre steht weiterhin das Autobahnnetz mit der A44/A46/A61 und den Anschlussstellen Wanlo und Jackerath zur Verfügung. Für den innerörtlichen und nicht autobahnfähigen Verkehr zwischen Keyenberg und Holzweiler kann die L12 genutzt werden. Die Zufahrt nach Lützerath ist weiterhin von Süden aus Richtung Jackerath über die L277 möglich. Die Zufahrt aus Richtung Keyenberg und Mönchengladbach zur Anschlussstelle Wanlo der A 61 und damit zum gleichnamigen Autobahnkreuz bleibt offen.

Keyenberg und Holzweiler werden für den überörtlichen Lkw-Verkehr gesperrt.

16.07.2020 / Dürener Nachrichten / Seite 14 / LOKALES