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EIN „HÖCHST PROBLEMATISCHES“ EHRENMAL IN SCHMIDT

Expertenrunde übt im Ausschuss einmütig Kritik. „Als wären 50 Millionen Opfer sinnvoll gewesen“. Entscheidung im Februar.

Schmidt Im Grundsatz besteht Einigkeit. Ein vor 20 Jahren von Weltkriegsveteranen aufgestellter Gedenkstein im Zentrum von Schmidt kann so nicht bleiben. Diese Meinung teilen der Nideggener Stadtrat und Historiker. Aufschrift und Symbolik sind wenigstens missverständlich, in Teilen nachweislich falsch und möglicherweise rechtlich unzulässig. Das soll nach Meinung des Rates, der von einer Familie aus Schmidt auf das Problem aufmerksam gemacht worden ist, korrigiert werden. Doch so einfach scheint das nicht zu sein, wie sich nach der Anhörung namhafter Fachleute für die historische Einordnung und Gedenkkultur am Dienstagabend herausstellte.

„Sie starben nicht vergeblich, denn sie gewannen den Frieden zwischen unseren Völkern“ ist auf dem Ehrenmal zu lesen. Darunter befinden sich Symbole der Einheiten von Wehrmacht und US Army, die sich im Zweiten Weltkrieg gegenüberstanden, die Jahreszahlen „1944–1945“, die beiden (heutigen) Landesfahnen sowie zwei Hände, die sich versöhnend greifen. „Das Objekt gehört in dieser Form nicht in den öffentlichen Raum“, sagte zum Beispiel Dr. Karola Frings vom NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln.

Die Aussage auf dem Stein vermische auf der einen Seite die Alliierten, die Opfer des Krieges und die Befreiung von einem Terrorregime und die Wehrmacht auf der anderen. „Die Wehrmacht war aber Teil des Verbrecherregimes“, erklärte die Fachfrau. Zudem erwecke die Aufschrift den Eindruck, als hätten beide Seiten „fürs gleiche Ziel gekämpft“, als „wären 50 Millionen Opfer sinnvoll gewesen“. Durch die abgebildete Fahne als Hoheitszeichen der Bundesrepublik werde zudem eine Verbindung zwischen Wehrmacht und Bundeswehr hergestellt, die „höchst problematisch und unzulässig“ sei, weil es sie nicht gebe. Darüber hinaus würden die gezeigten Symbole der militärischen Einheiten weder erklärt noch problematisiert. Frings: „Wie erklären Sie Überlebenden, dass hier eine Verherrlichung von Wehrmachtsverbänden stattfindet?“

Dieser kritischen Würdigung schlossen sich die weiteren vom Stadtrat eingeschalteten Fachleute an: Dr. Dagmar Hänel (Institut für Landesentwicklung und Regionalgeschichte Landschaftsverband Rheinland), Gabriele Harzheim (Vogelsang IP) sowie Peter Bülter und Stefan Schmidt (Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge NRW). Das sei ein Beispiel „für gut gemeint, aber schlecht gemacht“, sagte Bülter, der wie Frings nicht der Meinung ist, dass sich die Aussagen auf dem Ehrenmal mit Erläuterungen historisieren lassen. Gleichwohl würdigten alle Gäste im Fachausschuss, dass sich die Stadt der Aufarbeitung stellt. Niemand bezweifelte die guten Motive der Ehrenmal-Stifter. Die erläuterten sowohl Bürgermeister Marco Schmunkamp, der in Archiven recherchiert hatte, als auch Eduard Müllejans (79/SPD). Der Sozialdemokrat war 1999 Teilnehmer bei der Ehrenmal-Einweihung.

Er erinnerte daran, dass sich Veteranen seit 1989 an diesem Ort zur Versöhnung trafen. 1999 zur 500-Jahr-Feier des Ortes sei dann mit großem Publikum das gestiftete Ehrenmal eingeweiht worden. „Da waren alle beseelt davon, dass sich die alten Leute die Hände gegeben haben. Das war eine Verbrüderung und stand für ,Endlich Frieden’“, sagte Müllejans. Den Gedenkstein zu entfernen, „kommt für mich nicht infrage“. Die Gestaltung müsse allerdings verträglich sein mit den Erkenntnissen der heutigen Zeit. Einige Politiker – so Erwin Fritsch (Menschen für Nideggen), dessen Fraktion die Ausschusssondersitzung beantragt hatte – zogen in Erwägung, den Gedenkstein vorübergehend in ein Depot zu stellen, bis feststeht, was passieren soll. Vorerst bleibt er aber. Der Stadtrat soll am 18. Februar eine Entscheidung treffen. Zuvor wollen die Fraktionen Vorschläge austauschen und in einer weiteren Ausschusssitzung am 4. Februar beraten. Möglich ist zum Beispiel, dass der Umgang mit dem Ehrenmal in Schmidt bei einer Fachtagung erörtert oder Thema einer Master-Arbeit an der Ruhr-Uni Bochum wird. Bis dahin wird nur ein Schild auf dem unveränderten Platz darauf hinweisen, dass dieses Denkmal nicht bleiben kann, wie es ist.

05.12.2019 / Dürener Nachrichten / Seite 15 / DÜREN