Lesen. Suchen. Sammeln

Wortschätze bilden mithilfe von Mentoren

Immer weniger Kinder haben ausreichend Lesekompetenz. In Herzogenrath soll sich das durch ein Projekt ändern.

Herzogenrath 13.000 sind es bundesweit, in Herzogenrath sollen jetzt gern 100 dazu kommen: ehrenamtliche Lesementoren, die nach den „Mentor“-Prinzipien in Herzogenrather Schulen aktiv werden und Kindern und Jugendlichen zwischen sechs und 16 Jahren Freude an Buchstaben und an Büchern vermitteln. Mentor Herzogenrath, angegliedert an den Verein Pro Stadtbücherei, sucht dafür Rentnerinnen und Rentner, ältere Schülerinnen und Schüler, Studierende oder wer auch immer Lust am Lesen und am Umgang mit Kindern hat.

Dr. Luzie Haferkorn, 2. Vorsitzende von Pro Stadtbücherei und selbst in einem ersten Pilotprojekt Lesementorin in der Grundschule Kämpchen, hat einige schlagzeilenträchtige Slogans parat, um zu erklären, was die Lesementoren tun. „Es geht um Bildung durch Bindung, darum, mit Spaß die Kompetenzen der Kinder zu stärken und ihre Persönlichkeitsbildung voranzutreiben“, erklärt sie.

Keine schulischen Inhalte

Anders als die klassischen Lesehelfer, die oft in Grundschulklassen aus der Elternschaft rekrutiert werden, nehmen die Lesementoren nicht die Unterrichtsinhalte in den Fokus. „Wir gehen zwar in die Schulen, geben aber keine Nachhilfe. Unser Anliegen geht über den Schulstoff hinaus“, erläutert Reinhard Granz, ehemaliger Schulleiter und im Mentor-Team für die Vernetzung der Schulen mit dem neuen Projekt zuständig. „Es geht darum, dass sich ein Erwachsener mindestens ein Jahr lang eine Stunde in der Woche Zeit für ein Kind nimmt, ihm Aufmerksamkeit schenkt, mit ihm spricht, die eigene Faszination an Büchern vermittelt und zugleich auf die Interessen und Wünsche der Kinder eingeht – ohne Leistungsdruck.“ Auch die Mentoren würden durch diese enge Beziehung viel zurückbekommen.

„Es geht um Bildung durch Bindung, darum, mit Spaß die Kompetenzen der Kinder zu
stärken.“

Luzie Haferkorn,
2. Vorsitzende von
Pro Stadtbücherei

Dabei werde zwar auch die Lesekompetenz der Kinder gestärkt, genauso aber auch ihr Wortschatz, ihre Sprachfähigkeit und vor allem ihr Selbstbewusstsein, was wiederum ihre Bildungschancen insgesamt steigen lässt. „Die Konzentrationsfähigkeit steigt, sie können besser mit Frustrationen umgehen“, hat Haferkorn in ihren Patenschaften erlebt. Dabei muss nicht immer gemeinsam ein Buch gelesenen werden. „Man kann Buchstaben tanzen oder rennen, mit ihnen spielen, auch ein Ball oder Konstruktionsspielzeug ist nicht fehl am Platz. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt“, so Haferkorn und fügt ein Beispiel an. „Ein Junge hat selbst noch kein Buch gelesen, wollte aber eins schreiben. Dann haben wir das gemacht.“

Die Herzogenrather Schulen – sowohl im Primarbereich als auch in der Sekundarstufe I – stehen bereits parat, um Lesementoren wöchentlich einzulassen. „Ihr Bedarf ist groß, sie fragen schon bei uns an“, sagt Granz. Er konnte bereits von der Europaschule berichten, die das Projekt nicht nur für ihre Sek I nutzen, sondern auch die Oberstufe einbeziehen will. Generell schlagen die Schulen die Kinder und Jugendlichen vor, denen eine Patenschaft mit einer Lesementorin oder einem Lesementoren gut tun würde. Sie holen auch das Einverständnis der Eltern ein. „Die Kinder kommen aus Haushalten, in denen Buchstaben einfach keine Rolle spielen.“ Ihr Bezug zu Geschriebenem und Büchern ist also wenig ausgebildet, „trotzdem sind viele ganz fasziniert davon, dass so viele Geheimnisse in Büchern stecken sollen“, meinte Haferkorn.

Die Lesementoren, die diese Faszination vom Unbekannten in eine Liebe zu Büchern und Buchstaben ummünzen, fehlen bislang aber noch. Interessierte können sich bei einem Infoabend (siehe Info) über die Aufgaben aufklären lassen und auch die Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten, die das Mentor-Programm beinhaltet, kennenlernen. Ein halber Einführungstag, organisiert durch die VHS Nordkreis Aachen, ist dann verpflichtend für alle, die sich entschließen, Mentor*in zu werden. Auch danach wird es Weiterbildungsangebote und die Möglichkeit des Austauschs untereinander geben.

Männliche Lesevorbilder gesucht

Gefragt sind Menschen jeglichen Alters und Geschlechts, aber mehr männliche Ehrenamtliche als üblicherweise würde die Organisatoren schon besonders freuen. „Lesen, die ganze Bildungslandschaft ist überwiegend weiblich. Dabei sind männliche Lesevorbilder gerade für Jungen wichtig“, erklärte Kirsten Moss, Leiterin der Stadtbücherei Herzogenrath. Haferkorn ergänzt: „Sie können Themen wie Sport oder Handwerken ganz anders besetzen als die meisten Frauen es tun. Und sie spielen ganz anders.“

Info

Nachfrage und Sommerleseclub

Jenen, die das Lesen bereits für sich entdeckt haben, ist die Freude am Buch in den Phasen des Lockdowns und im Distanzlernen nicht abhandengekommen. „Immer, wenn wir wieder öffnen durften, gab es einen riesigen Ansturm“, berichtete die Leiterin der Stadtbücherei Herzogenrath, Kirsten Moss. „Das Lesen hat durch Corona eher zugenommen.“

Ebenfalls positiv verzeichnete die Leitung die Teilnahme am Sommerleseclub, bei denen Kinder aufgefordert sind, in den sechs Wochen der Sommerferien drei Bücher zu lesen und ihre Erfahrungen damit in einem Logbuch festzuhalten. „Wir hatten mehr Teilnehmer, und die Logbücher wurden oft noch kreativer als sonst gestaltet“, meinte Teresa Zimniak-Goeb, stellvertretende Leiterin der Stadtbücherei und Kinder- und Jugendbuchbibliothekarin.

Infoabend und Qualifizierung

9. September in der
Aula der Europaschule

Beim Infoabend am 9. September um 19 Uhr in der Aula der Europaschule, Am Langenpfahl 8, wird das Präventionsprojekt „Mentor“ vorgestellt. Verpflichtend für zukünftige Lesementoren wird ein Qualifikationsvormittag am 2. Oktober von 10 bis 14.30 Uhr in der Herzogenrather Geschäftsstelle der VHS Nordkreis Aachen, Erkensstraße 1, sein. Dort werden die Mentoren über ihre Rechte und Pflichten aufgeklärt und ihnen werden wichtige Kompetenzen für die Leseförderung vermittelt.

Einen dicken finanziellen Grundstein für die Finanzierung des Herzogenrather Mentor-Programms hat die Bürgerstiftung Herzogenrath mit 20.000 Euro für die ersten fünf Jahre gelegt. Trotz weiterer Kooperationen – zum Beispiel mit dem Rotary-Club Kerkrade-Herzogenrath Eurode – braucht der Trägerverein „Pro Stadtbücherei“ weitere Spenden. Solche können auf das Konto mit der Nummer DE654 3905 0000 0048 3391 70 unter dem Stichwort „Mentor“ eingezahlt werden.

Weitere Infos unter
www.mentor-herzogenrath.de.

27.08.2021 / Aachener Nachrichten - Nordkreis / Seite 13 / LOKALES