Lesen. Suchen. Sammeln

„Tierquälerei, Inkompetenz, Hygienechaos“

Heimlich haben Mitarbeiter der „Soko Tierschutz“ auf dem Schlachthof in Düren gefilmt. Jetzt erstattet die Gruppe Strafanzeigen.

Düren. Es ist ein Zufallsfund. Der Schlachthof Düren ist bislang nicht in Verruf geraten. Aber weil der Betrieb gerade Leute suchte, hat die „Soko Tierschutz“ dort im Oktober und November zwei Mitarbeiter eingeschleust. Philipp Hörmann und ein weiterer Kollege, der anonym bleiben will, haben insgesamt nur sechs Tage auf dem Schlachthof Frenken gearbeitet. Die Bilder, die sie in dieser Zeit heimlich aufgenommen haben, sind schwer zu ertragen. Der Beitrag lief am Dienstagabend bei „Report München“ in der ARD, die „Süddeutsche Zeitung“ hat die Geschichte unter dem Titel „Stirb langsam“ gestern veröffentlicht. Hörmann gibt an, dass die grausamsten Bilder sogar noch zurückgehalten wurden.

„Wir haben es noch nie erlebt, dass innerhalb so kurzer Zeit so unglaublich viele gesetzliche Verstöße, solche Quälereien, eine solche Inkompetenz und ein solches Hygienechaos dokumentiert wurden“, sagt Friedrich Mülln von der „Soko Tierschutz“. Er hat den gemeinnützigen Verein, der sich über Spenden finanziert, vor vier Jahren gegründet. Heute ist er der Geschäftsführer. Die preisgekrönte Gruppe deckt nicht zum ersten Mal Missstände auf. Vor ein paar Monaten hat ein Schlachthof in Süddeutschland nach einer Undercover-Reportage schließen müssen. Mülln sagt, dass man die Täter anprangern wolle. Täter in seiner Definition sind aber „vor allem die Konsumenten, die erfahren sollen, welches Leid die Tiere ertragen müssen“.

Unvorstellbare Zustände

In Düren wurden die beiden neuen Mitarbeiter nach eigener Auskunft nicht mal nach dem Nachnamen gefragt. Auch Gesundheitszeugnisse waren nicht erforderlich. Die Einarbeitung sei unerwartet schnell verlaufen. „Ich hätte schon nach einem Tag Tiere schießen dürfen“, sagt Hörmann. Der 34-Jährige ist gelernter Metzger, nachweisen musste er das nicht. Hörmann hat umgeschult, ist nun Berufsfeuerwehrmann und Rettungssanitäter. Tiere will er nicht mehr töten, er kann sie auch nicht mehr essen. „Diese Arbeit ist schwer zu ertragen“, sagt er nach den vier Tagen in Düren. „Unsere Mission ist es, die Leute aufzuwecken.“ Hörmann will auch aufräumen mit dem Irrglauben, dass es in einem biozertifizierten Hof wie in Düren tierfreundlicher zugehe. „Es gibt hinter diesen Mauern kein humanes Sterben.“

Hörmann weiß, wie Tiere getötet werden, er ist vorbereitet. Was er dann am ersten Tag erlebt, übersteigt seine Vorstellung. Seine Aufnahmen zeigen Bullen und abgemagerte Milchkühe, die wohl erst nach einigen Fehlschüssen in den Kopf betäubt wirken. Einige Tiere reagieren noch in dem Moment, wenn ihnen ein Schlachter das Messer zum Todesstich in die Brust rammt. Tiere erwachen blutend auf dem Schlachtband, immer wieder versagt der Bolzenschuss, Falltore werden krachend auf Rinderrücken geschlagen.

Es stank nach Exkrementen und Schweiß der gestressten Tiere. Ein Mitarbeiter hätte die Schweine in die Schlachthalle in einen schmalen Gang getrieben, wer stehenblieb, wurde getreten. Sie wurden in eine Betäubungsbox geschoben, wo ein Mitarbeiter mit einer Art Schere Strom durch das Gehirn jagte.

Ein paar Meter weiter wurden Schweine an den Beinen am Schlachtband hochgezogen, sie sollten zuvor durch einen Messerstich getötet worden sein. Hörmann sah nach eigenen Angaben dutzende Male, wie zuckende Tiere in der Luft um ihr Leben kämpften. Erlöst wurden sie nicht, sie fuhren minutenlang strampelnd in Richtung Brühbad, wo ihnen die Borsten weggebrüht wurden, beschreibt der Tierschützer.

„Dieses Schlachtsystem versagt an sich selbst, nicht nur bei dramatischen Fehlern durch das Personal, sondern allein schon durch die maximale Ausbeutung der Ware Tier“, reklamiert Mülln. In Düren beobachteten seine eingeschleusten Leute, dass die Tiere von Leuten ohne Kompetenz getötet wurden. Der nicht genannte Ermittler hätte schon nach kurzer Zeit den Entblutungsstich ohne jeden Sachkundenachweis ansetzen dürfen.

Bei der Schlachtung muss ein amtlicher Tierarzt aufpassen, so schreibt es das Gesetz vor. In Düren wären dagegen manchmal nur Studenten der Veterinärmedizin vor Ort gewesen, sagt Mülln. Die Behörde dementiert das. „Es ist nicht gut, wenn regionale Behörden regionale Betriebe kontrollieren. Es entsteht manchmal ein merkwürdiger Korpsgeist“, findet Mülln.

Sein Tierschutzverein hat gestern bei der Staatsanwaltschaft Aachen Strafanzeigen gegen den Eigentümer des Betriebs, den Leiter der Schlachterkolonne und dessen Vorarbeiter (Subunternehmer) sowie das Kreisveterinäramt Düren wegen Verstößen gegen das Tierschutzgesetz und mögliche Strafvereitelung im Amt gestellt.

Die Vorwürfe überraschen

Der Dürener Schlachthof und das Veterinäramt des Kreises Düren ziehen ebenfalls erste Konsequenzen. Unter anderem teilte die Firma Frenken gestern mit, dass es dem beauftragten Subunternehmen, das in Düren geschlachtet hat, umgehend gekündigt habe. Das Subunternehmen, die Rudolf Wingels GmbH aus Olzheim, war gestern nicht zu erreichen. Zudem setze Frenken ab sofort auf eine externe Firma, die „sämtliche Betäubungseinschüsse der Rinderköpfe kontrollieren und fotografisch protokollieren werde“, heißt es in einer Stellungnahme. Es sollen künftig auch weniger Tiere geschlachtet werden, um mögliche Schlampereien zu unterbinden: 25 anstatt 35 Tiere pro Stunde.

Überwacht werden die internen Schlachtkontrollen vom Veterinäramt des Kreises Düren, dem die Soko „Untätigkeit“ vorwirft. Jeden Tag sei einer von vier Tierärzten vor Ort, sagt Mounira Bishara-Rizk, hinzu kämen in der Regel drei Fleischkontrolleure.

Für sie kommen die Vorwürfe überraschend. „Es ist das erste Mal, dass wir von so etwas hören, und das schockiert uns natürlich.“ Bishara-Rizk betont, dass die amtliche Dokumentation bislang „ein anderes Bild des Unternehmens“ zeige.

Das Amt werde nun nicht nur allen Vorwürfen nachgehen, sondern auch ab sofort mehr als gesetzlich gefordert tun. Bislang haben die Amtsvertreter nur stichprobenartig kontrolliert, in allen Bereichen des Schlachthofes. „Und wir haben auch kein Recht auf eine verdeckte Ermittlung. Wir gehen davon aus, dass alles richtig läuft, wenn unsere Mitarbeiter danebenstehen.“

07.12.2017 / Heinsberger Zeitung / Seite 9 / Region und NRW