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Mutige Sprünge in die Kissengrube

Mit großangelegten Sichtungstagen sucht der SV Neptun Aachen auch in diesem Jahr nach Talenten fürs Wasserspringen

Aachen Viel Platz, ein großes Trampolin und eine riesige Grube voll weicher Kissen: Was aussieht wie ein Tobeparadies für Kinder, ist in Wirklichkeit die Trockensprunghalle in der Schwimmhalle West. Die Athleten des SV Neptun machen hier Trockenübungen für ihre kunstvollen Sprünge. Und was an diesem Morgen aussieht wie eine Mischung aus Sportstunde und Kindergeburtstag, das ist in Wirklichkeit die Talentsichtung fürs Wasserspringen. Wasser allerdings sehen die Kinder nur aus der Ferne.

Auf der Suche nach vielversprechenden Talenten fürs Wasserspringen betreibt der SV Neptun am Aachener Landesleistungsstützpunkt und DSV-Nachwuchsstützpunkt jeden Herbst großen Aufwand. Die Erstklässler aller Aachener Grundschulen werden zu einem Sichtungstag eingeladen. Nicht alle Grundschulen machen mit, aber dennoch haben die Wassersportler allein im vergangenen Jahr rund 700 Kinder in Augenschein genommen. In der diesjährigen Runde waren schon 520 Kinder in der Ulla-Klinger-Halle, darunter auch die Erstklässler der Grundschule Am Haarbach in Haaren.

Kunst- und Turmspringer führen hochkomplexe Figuren aus. Da sind Schnelligkeit, Koordination, Haltung, Konzentrationsfähigkeit und Beweglichkeit gefragt. „Und auf die Schnellkraft kommt es an“, erklärt Tanja Schweig, die zweite Vorsitzende des Neptun-Fördervereins. „Denn Schnellkraft kann man nicht antrainieren.“ Deshalb schauen sie, die beiden Trainer Sandra Verse und Amir Sarpolaki, Fördervereinsvorsitzende Anke Marx und Karin Ackmann, Geschäftsführerin der Abteilung Wassersport, sehr genau hin, wie die Kinder an diesem Morgen über die Laufbahn rennen und in die Kissengrube hüpfen.

Das Programm ist durchaus anspruchsvoll für die Sechs- und Siebenjährigen. Sie schlagen Purzelbäume auf dicken Matten. Sie springen auf dem Trampolin – gestreckt, mit angezogenen Beinen, mit halber Schraube. Sie stürzen sich vom Ein-Meter-Brett in die große Kissengrube. Und Abdalla (6) ist irgendwann der Erste, der sogar aus fast drei Metern Höhe in die weichen Kissen springen darf. Denn auch Mut braucht man fürs Wasserspringen.

Zweimal pro Woche ins Wasser

Etwa 30 Prozent der Kinder werden nach der Sichtung zu einem Probetraining eingeladen. Im Schnitt 60 bis 70 von ihnen nehmen die Einladung an und können dann zweimal pro Woche in einer Sichtungsgruppe trainieren. Die Familien müssen dafür nichts zahlen, denn die Kosten übernimmt das Land NRW. Nach dem ersten Jahr, sagt Karin Ackmann, sind in der Regel noch 30 Kinder dabei.

Wenn das Training dann wirklich zeitintensiv wird, drei- bis viermal pro Woche, halbiert sich die Zahl meist erneut. Die Kinder, die es in die Leistungssportgruppe schaffen, trainieren schließlich drei bis vier Stunden am Tag, und das bis zu sechs Mal in der Woche. Daneben gibt es aber auch Breitensportgruppen. „Die meisten Nachwuchsspringer verlieren wir im Alter zwischen 12 und 14 Jahren“, sagt Ackmann. „Dann, wenn es mit der Pubertät losgeht.“

Um Nachwuchs zu finden, betreibt der Verein viel Aufwand, auch finanziell. Aber auch die Familien müssen mitziehen. Immer öfter, sagt Tanja Schweig, berichteten Lehrer, dass sehr talentierte Kinder nicht am Förderprogramm teilnehmen können, weil ihre Familien sich die vielen Fahrten zur Schwimmhalle nicht leisten können. „Leider sind ein vereinseigener Bus und Fahrer derzeit nicht zu finanzieren“, bedauert man beim SV Neptun. Manche Eltern haben auch Bedenken, ihren Kindern in ihrem ohnehin schon eng getakteten Schulalltag auch noch ein so zeitintensives Training zuzumuten. Und auch längst nicht alle Lehrer und Schulleiter unterstützen die Leistungssport-Idee.

„Aus der Talentsichtung gewinnen wir jedes Jahr neue Kinder für die Sportart Wasserspringen“, sagt Tanja Schweig. „Diese Gruppe bildet die Basis für eine Sportart, die einen hohen Trainingsaufwand erfordert und außergewöhnlich talentierten Nachwuchs dringend braucht.“ Wer weiß: Vielleicht war unter den Gästen aus Haaren ein kleines Wassersporttalent, das irgendwann bei großen Wettbewerben antritt.

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30.11.2018 / Aachener Nachrichten - Stadt / Seite 19 / LOKALES