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Die Kohle geht, die Kompetenz soll bleiben

Das Aachener Innovationsbündnis „Mine ReWIR“ will Unternehmen aus dem Bergbausektor zusammenbringen.

Aachen „Unser Projekt ist anders als andere“, sagt Elisabeth Clausen, Professorin und Leiterin des Institute for Advanced Mining Technologies (AMT) der RWTH Aachen, eines der führenden Institute im Bereich der Automatisierung und Digitalisierung im Bergbau. „Wir geben kein Innovationsfeld vor, sondern stellen mit Mine ReWIR ein langfristig angelegtes Netzwerk auf die Beine, das den tiefgreifenden Wandel im Bergbausektor begleitet und die Unternehmen an neue Märkte heranführt“, erklärt die promovierte Bergbauingenieurin. Noch bis Ende Mai wird das vom AMT koordinierte Bündnis „Mine ReWIR“ im Rahmen des Programms „WIR! Wandel durch Innovation in der Region“ vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert.

Mit direkt Betroffenen

„Wir sind das einzige Bündnis, das dezidiert diejenigen Unternehmen in den Fokus rückt, die direkt und unmittelbar vom bevorstehenden Ausstieg aus der Braunkohlegewinnung und -verstromung betroffen sind“, bekräftigt Clausen. Der Ausstieg vollziehe sich im Rheinischen Revier viel früher als erst im Jahr 2038. Betroffen seien mehr als 350 regionale Unternehmen aus dem gesamten Bereich der aktiven Rohstoffgewinnung und der zugehörigen Zulieferindustrie.

Der Ansatz vom Aachener Innovationsbündnis: die vorhandenen Kompetenzen sichten und kartieren sowie das Umfeld und die Herausforderungen der Akteure verstehen. Daraus werden unternehmensspezifische Möglichkeiten erarbeitet, wie sich neue, zukunftsträchtige Perspektiven und Innovationsfelder erschließen lassen. „Am Anfang muss die Frage stehen: Wo kommen wir eigentlich her? Welche Fähigkeiten und Kompetenzen sind hier in der Region verankert? Und: Wie können wir darauf aufbauend in die Innovation gehen?“ Das Erbe – nicht nur das kulturelle, sondern auch das soziotechnische – werde viel zu häufig vernachlässigt. „Es ist nicht zielführend, zu sagen: Der Bergbau ist ein Auslaufmodell, wir erschaffen jetzt eine schöne, neue Digitalindustrie oder das neue Silicon Valley am Rhein“, erklärt Professor Stefan Böschen, Sprecher des Human Technology Center (HumTec) der RWTH Aachen, das als Konsortialpartner am Bündnis beteiligt ist.

„Davon abgesehen, dass der Bergbau als solches keineswegs ein Auslaufmodell ist, ignorieren diese Vorstellungen den Eigenwert von Räumen und den dort vorhandenen Kompetenzen, Infrastrukturen und Akteuren, die etwas bewegen können“, so der promovierte Soziologe und Diplom-Ingenieur. Vielmehr wolle man aus der Tradition heraus das Neue entwickeln – ausgerichtet nach den individuellen Bedürfnissen und anhand der Potenziale der Betriebe. „Und das bedeutet zunächst einmal genau zuzuhören.“

Ideen, Maßnahmen, Projekte

Aus intensiven Gesprächen heraus sollen Ideen entstehen, aus dem Netzwerk heraus konkrete Maßnahmen, Qualifikationsangebote und gemeinsame Projekte. Partner im Innovationsbündnis sind unter anderem die Nivelsteiner Sandwerke und Sandsteinbrüche, RWE Power und die IHK Aachen. Unterstützt wird das Projekt darüber hinaus von kommunalen, überregionalen und internationalen Akteuren, Initiativen und Multiplikatoren, die wiederum gut vernetzt sind und Anknüpfungspunkte bieten – wie etwa die „Learning-Factory“, die derzeit vom Knoten Innovation und Bildung der Zukunftsagentur Rheinisches Revier entwickelt wird. Die aktuellen Hauptstoßrichtungen im Bündnis: Digitalisierung, Internationalisierung, nachhaltige Wertschöpfung und das Überführen vorhandener Kompetenzen in neue Anwendungsfelder. „Die Firmen, die aus dem Bergbau kommen, haben immer schon gezeigt, auch mit ihrem Partner RWE zusammen, dass sie sich an veränderte Rahmenbedingungen anpassen können und angepasst haben, dass sie sich neu erfunden oder weiterentwickelt haben“, führt Clausen aus. Die Kompetenzen im Bergbausektor seien vielfältig: Sie reichen von Ingenieursdienstleistungen, Berechnungen, Auslegungen und Instandhaltung von Maschinen, Netzbetrieb, E-Technik und Warentechnik bis hin zur Wasserwirtschaft.

„Unsere Analyse hat bestätigt, dass der Bergbausektor vielfältiger ist als wahrscheinlich die meisten denken, wenn sie das große Loch sehen mit den großen Maschinen.“ Auch die Themen Rekultivierung und Biodiversität würden bei der Braunkohlegewinnung gleich mitgedacht: „Wenn wir uns den Blausteinsee anschauen oder die Sophienhöhe, dann haben wir es hier außerdem mit landschaftsgestalterischen Tätigkeiten zu tun.“

Fest steht schon jetzt: Wenn die Kohleförderung geht, sollen die Kompetenzen in der Region bleiben. Ob das Bündnis nach Abschluss der Strategiearbeit in die Umsetzungsphase übergeht, entscheidet sich im Herbst. Bis zu 15 Millionen Euro könnten dann fließen.

Strukturwandel

Mehrere Projekte in der Region werden gefördert

Das Bundesforschungsministerium hat die Förderung von 61 Innovationsbündnissen bewilligt. Davon profitieren auch Projekte in der Region: Das Bündnis „Laserregion Aachen“, das von der Firma Clean-Lasersysteme in Herzogenrath koordiniert wird, sowie das Projekt der Heinsberger Wirtschaftsförderung „Ingrain“, das sich mit einer biobasierten, regionalen Kreislaufwirtschaft der Branchen Agrar, Textil und Lebensmittel beschäftigt. Außerdem werden durch das Programm „Rubin“ zwei regionale Bündnisse unterstützt: Zum einen „Pumac-Fx“ der Aachener Firma B&B-Agem, die an Wasserstoff-Gasturbinen arbeitet, zum anderen das Bündnis „React“, geleitet von Meotec Aachen, das sich mit resorbierbaren Stoffen und Medizinprodukten beschäftigt. Der Beitrag über „Mine ReWIR“, das vom AMT der RWTH Aachen koordiniert wird, ist der fünfte Teil einer Serie über die geförderten Projekte in der Region.

17.05.2021 / Aachener Nachrichten - Stadt / Seite 15 / WIRTSCHAFT