Lesen. Suchen. Sammeln

Das Durcheinander ist absolut erwünscht

Olaf Müller ist neuer Träger des Krüzzbrür-Ordens

Aachen Olaf Müller war sich der Bedeutung dieser Auszeichnung sehr wohl bewusst. „Ich trete hier in viele große Fußstapfen“, sagte der Leiter des städtischen Kulturbetriebs bei seiner Antrittsrede als neuer Träger des Krüzzbrür-Ordens. Wahrscheinlich wollte er deshalb mit seiner Rede nicht weniger als „in die Annalen der Geschichte der Krüzzbrür“ eingehen.

Diese Frage habe er sich nämlich gestellt, als er seine Rede vorbereitete, verriet er der illustren Herrenrunde, die der Pfarrausschuss Heilig Kreuz alljährlich im Traditionslokal „Am Knipp“ zusammenruft, um einen neuen Ordensträger zu küren. Seit 1973 macht der Pfarrausschuss das schon und hat inzwischen zahlreiche Herren zusammenbekommen, die sich durch besonders humorvolle Art in der Öffentlichkeit einen Namen gemacht haben – denn so lauten die Bedingungen, die ein Preisträger erfüllen muss.

Genderneutrale Sprache

„Da sehe ich den Dombaumeister Helmut Maintz, den Leiter der Bischöflichen Akademie Dr. Karl Allgaier oder den Kabarettisten Wendelin Haverkamp“, ließ Olaf Müller seine Augen durch den Saal schweifen, um nur einige seiner Vorgänger zu erwähnen. Und ihnen und natürlich auch seinen eigenen Ansprüchen wollte Müller im Anschluss mit einer Rede über die Neutralisierung des Geschlechtsbezugs in einer genderneutralen Sprache gerecht werden. Schließlich hatte bereits Vorjahrspreisträger Professor Simone Paganini in seiner Laudatio auf den neuen Ordensträger eine Frau als mögliche Nachfolgerin Müllers im kommenden Jahr ins Spiel gebracht.

Denn ihm sei bei der Reihenfolge der letzten Preisträger etwas aufgefallen, begründete Paganini seinen für die Krüzzbrür revolutionären Vorstoß: „Ich bin am 29. September geboren, Olaf Müller am 30. September, also muss der nächste Preisträger am 1. Oktober geboren sein.“ Zudem dürfe er wie Paganini und Müller weder in Aachen geboren sein, noch dort wohnen. Außerdem sollte er, ebenfalls wie Paganini und Müller, nie in die Gefahr geraten, den Karlspreis zu erhalten. „Und eine Person, auf die das alles zutrifft, ist Theresa May“, rief Paganini freilich nicht ganz ernst gemeint in die Runde.

Doch Müller nahm anschließend den Faden auf, „schließlich hat Simone die Tür für eine erste Preisträgerin geöffnet“. Also versuchte er die genderneutrale Sprache der Stadtverwaltung Hannover auf die Krüzzbrür zu übertragen, die er fortan zu „Krüzzbrür*innen“ machte. Den Vorsitzenden des Pfarrausschusses und Moderatoren des Abends, Franz-Josef Staat, nannte Müller folglich „Moderierender“ oder auch „Zeremonierender“, Krüzzbrür-Ordensträger und Opernsänger Willy Schell, der wie immer sein Chianti-Lied zum Besten gab, machte Müller zum „Singenden“ und die Herbergsväter der Familie Ramrath wurden zu „Herbergenden“. Kurzum: Das „substantivierende Partizip“, so Müller, mache vieles möglich.

Aber nicht alles. „Denn was ist mit dem lieben Gott?“, stellte Müller die Frage aller Fragen in den Raum. „Es wäre besser, er hätte uns zu Selbstbestäubenden gemacht“, beantwortete er die Frage selbst. „Dann wäre auch das Problem des Zölibats gelöst, aber wir hätten wieder ein Feinstaubproblem“, sagte er, bevor er zusammenfasste: „Es ist ein großes Durcheinander.“

Erinnerung an 2014

Das allerdings ist bei den Herrenabenden der Krüzzbrür Programm, denn Zwischenrufe, die den Redenden immer wieder unterbrechen, sind ausdrücklich erwünscht. Sie gehören ebenso dazu wie das Buffet mit dem obligatorischen echten Lachsersatz. So machten sich gleich mehrere Zwischenrufer darüber lustig, was denn ein Leiter des städtischen Kulturbetriebs so eigentlich zu tun habe. Und Wendelin Haverkamp erinnerte an den legendären Auftritt Müllers bei der Eröffnung der Karlsausstellung 2014 auf dem Katschhof, als Olaf Müller die 20-minütige Wartezeit auf den damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck schweigend am Mikrofon überbrückte. „Er brachte es fertig, das Publikum zu fesseln“, so Haverkamp, „indem er den Eindruck erweckte, er würde gleich etwas wichtiges sagen.“

Das hat er nun als neuer Träger des Krüzzbrür-Ordens nachgeholt.

Info

Gedenken an
Manfred Birmans

Viele Träger des Krüzzbrür-Ordens hatten sich zum Herrenabend eingefunden, aber einer fehlte ganz besonders: Manfred Birmans, der im vergangenen Jahr plötzlich und unerwartet gestorben war. Dennoch war er am Dienstagabend im Knipp allgegenwärtig.

In vielen Redebeiträgen, auch in der Antrittsrede des neuen Ordensträgers Olaf Müller, wurde er erwähnt. Max Kerner widmete die Tuppesorden, die beim Herrenabend für besonders (irr-)witzige Beiträge vergeben werden, zum „Manfred-Birmans-Gedächtnis-Tuppesorden“ um.

Pfarrausschuss-Vorsitzender Franz-Josef Staat sagte: „Seine Geschichten und Anekdoten haben viele zum Lachen oder zum Nachdenken gebracht. Und beim Herrenabend sprudelte es förmlich aus ihm heraus. Er schaut uns jetzt von oben zu.“

07.02.2019 / Aachener Zeitung - Stadt / Seite 17 / LOKALES