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Mit einem Bus am Seil zum Rursee schweben

Interessantes Projekt der RWTH Aachen: Zwischen Rursee und Höhenorten Simmeraths könnte bald eine Seilbahn geführt werden.

Simmerath/Aachen Professor Kai-Uwe Schröder macht aus seiner Begeisterung für das Engagement des Simmerather Bürgermeisters Bernd Goffart (CDU) keinen Hehl: „Ich schätze sein klares Bekenntnis für unser upBus-Projekt. Er will das System unbedingt!“, sagt der Professor.

Der Kommunalpolitiker aus der Eifel sei praktisch der einzige seiner Kollegen in der Region, der sich so vehement für ein völlig neues hybrides Mobilitätskonzept einsetze, schwärmt der Leiter des RWTH Aachen-Instituts für Strukturmechanik und Leichtbau. Und er fügt an: „Vielleicht ist er auch der Einzige, der das Konzept so richtig verstanden hat.“ Dabei darf nicht vergessen werden, dass im Simmerather Gemeinderat UWG-Fraktionsvorsitzender Reinhold Köller dass Thema upBus ins Rollen brachte.

Die Entwicklung unter Federführung des Maschinenbau-Ingenieurs Schröder wurde jedenfalls in der kreativen Ideenschmiede der Aachener Eliteuniversität vorangetrieben. Sie soll bald bis zur Einsatzreife weitergeführt werden.

Dieser erste richtige Härtetest soll nach dem festen Willen Goffarts unbedingt in seinem Gemeindegebiet über die Bühne gehen. Der Bürgermeister hat dafür auch schon eine konkrete Anwendungsstrecke vor Augen, mit der er bei Schröder offene Türen einrennt: Zwischen dem Rursee in Rurberg sowie den Höhenorten Simmeraths bei Kesternich und Strauch – samt großem Park&Ride-Platz – könnte die Seilbahn über unbebautes Terrain geführt werden.

Beweis der Ernsthaftigkeit

Dabei will die RWTH den Beweis antreten, dass es sich beim upBus nicht um das „verrückte“ Gedankenmodell eines Gelehrten im weltfremden Elfenbeinturm handelt. Vielmehr ist auch der Professor zuversichtlich, dass es klappen kann – von unvermeidlichen „Kinderkrankheiten“ mal abgesehen. Doch genau dazu soll ja der Praxistest „auf Herz und Nieren“ dienen, um mögliche Probleme zu identifizieren und zu lösen.

Schröder spricht von einem „Reallabor in einer attraktiven Tourismusregion“. Angesichts hoher Besuchszahlen von Tagesgästen am Rursee „wird sich das System auf jeden Fall schnell rentieren“. Der Professor weiter: „Es ist für uns wichtig, einen ersten Startpunkt für den upBus zu haben.“ Im Erfolgsfall, von dem er fest ausgeht, soll das Streckennetz kontinuierlich weitergeführt werden. Möglichst bis vor die Tore Aachens, hofft Schröder.

Und bevor die ersten Anwohner nervös werden, dass bald schon neugierige Passagiere der Seilbahn aus luftiger Höhe in den heimischen Garten glotzen könnten, verspricht Bernd Goffart eines jetzt schon unmissverständlich: „Die Seilbahn wird nicht über bewohntes Gebiet schweben!“

Denkbar ist zum Beispiel eine Basisstation im Bereich des touristischen „Hotspots“ Rurseezentrum mit dem Freibadgelände Eiserbachsee. Und von dort Richtung Zentralort Simmerath gibt’s praktisch nur Wald und einzelne Aussiedlerhöfe, an denen elegant „vorbeigeschwebt“ werden könnte. Und für die notwendigen wenigen Seilbahnstützen dürften nur minimale Eingriffe in die Natur erforderlich sein – überhaupt kein Vergleich etwa mit einem flächenfressenden Straßenbau.

Der 48-jährige Professor mit dem markanten Seemannsbart stammt aus Hannover. Schröders Familie lebt in Hamburg, er pendelt regelmäßig zwischen seiner Aachener Wohnung und der Hansestadt. Er engagiert sich in seiner Wahlheimat auch intensiv für den Strukturwandel in der Aachener Region für die Zeit nach dem Auslaufen der Braunkohleförderung. In diesem Zusammenhang treibt Schröder den Aufbau eines „Mobilitäts-Hubs“ der Städteregion Aachen auf dem Gelände des Forschungsflugplatzes Merzbrück entscheidend mit voran. Hier sollen unterschiedliche Verkehrssysteme, von der elektrisch betriebenen Euregiobahn bis zum Flugverkehr von morgen, auf engem Raum zusammengeführt und kombiniert werden. Einen wichtigen Teil dieser Überlegungen bildet das hybride Nahverkehrsangebot „upBus“. Es befindet sich noch in der Probephase. Kürzlich wurden auf einem Testgelände des österreichischen Seilbahnherstellers Doppelmayr mit einem an der RWTH gebauten Prototypen erfolgreich erste Praxiserfahrungen gesammelt. Der weltweite Marktführer bei Seilbahnen hat seinen Stammsitz in Wolfurt, einer Marktgemeinde im Bezirk Bregenz im westlichsten Bundesland Vorarlberg, nicht weit vom Bodensee entfernt.

Der upBus ist ein spezielles, pfiffiges Verkehrssystem. Dabei soll eine Passagier-Kabine, ähnlich wie man sie etwa in alpinen Skigebieten kennt, wechselweise als Bus auf einem elektrisch angetriebenen Fahrgestell („Skateboard“) auf der Straße und als schwebende Gondel an einer Seilbahn verkehren. Der Wechsel zwischen – im Endausbau – autonom gesteuerten Fahrzeugen und dem stählernen Seil soll an speziellen Stationen vollautomatisch und millimetergenau gesteuert erfolgen. Dazu soll der upBus erst gar nicht anzuhalten brauchen: Der Umstieg erfolgt sozusagen im fliegenden Wechsel, radar- und ultraschallgesteuert, ohne dass die Passagiere von dem Wechsel der Ebene groß etwas mitbekommen werden.

Der entscheidende Kniff der upBus-Philosophie ist das patentierte Kupplungsstück zwischen Boden und Luft. Es wurde am Institut und Lehrstuhl von Professor Schröder erforscht und anwendungsreif gemacht. Gedacht war dieses System für die Weltraumfahrt. Damit soll es möglich werden, defekte Module an einer Raumstation oder an einem Satelliten auszuwechseln, ohne gleich das komplette Labor ersetzen zu müssen. Dabei dient dieses Element auch dem reibungslosen Austausch aller Versorgungsmedien für die Station, inklusive Datenübertragung. Bei dieser Entwicklung war auch das Deutsche Zentrum für Luft-und Raumfahrt (DLR) in Köln einbezogen.

Und was in den unendlichen Sphären hoch über der Erde im All funktionieren soll, dürfte auch auf der Erde keine gravierenden Probleme bereiten, ist Professor Kai-Uwe Schröder zuversichtlich. „Das ist eine Superanwendung. Eine bessere Werbung für unser Konzept kann man sich nicht vorstellen.“

Einbindung regionaler Firmen

Und was für ihn fast noch wichtiger ist: Die technische Umsetzung der benötigten Teile und Apparate für den upBus könnten Unternehmen aus der Aachener Region übernehmen und damit neue Wertschöpfung und zukunftssichere Arbeitsplätze generieren – als wichtiger Ersatz für die demnächst wegfallenden Kohle-Jobs.

Entsprechende Förderanträge aus dem Programm für den Strukturwandel hat das Start-up aus Aachen bereits bei der federführenden Kölner Bezirksregierung gestellt. Auch hier ist Schröder optimistisch, dass bald Fördergelder aus den mit Milliarden gefüllten Töpfen des Bundes fließen könnten. Koordiniert werden die Anträge über die Zukunftsagentur Rheinisches Revier (ZRR) in Jülich.

Erwartungen erfüllt

Die Versuche in Österreich begleiteten Schröders Mitarbeiter Tobias Meinert, Linus Kuhlmann, Eduard Heidebrecht und Hartmut Franz. Meinert auf Anfrage zum Ergebnis der Testfahrten: „Unsere Erwartungen wurden erfüllt. Das System funktioniert grundsätzlich, die Sensoren – alles top! Auch die Übergabe im laufenden Betrieb hat geklappt.“

Ähnlich positiv sieht Doppelmayr-Pressesprecherin Julia Schwärzler die Versuchsfahrten der Aachener Wissenschaftler: „Der Feldtest mit upBus an unserer Testbahn war sehr aufschlussreich. Er hat gezeigt, dass die Übergabetechnologie und die Verbindung der beiden Systeme in den Grundzügen funktionieren. Für upBus geht es in der Weiterentwicklung nun um die Detailentwicklung, Störungsabschirmung und Zuverlässigkeit des Systems – mit dem Ziel, einen realitätsnahen Prototyp zu entwickeln.“

Doppelmayr als Seilbahnhersteller befasse sich „intensiv mit Zukunftsthemen der Mobilität. „Uns interessiert insbesondere die Dimension der multimodalen Verknüpfung verschiedener Verkehrssysteme sowie wie die systembezogenen Vorteile und Eigenschaften optimal kombiniert werden können. Eine multimodale Verknüpfung des straßengebundenen Verkehrs mit der ersten Ebene ist für uns eine logische Konsequenz. Der upBus arbeitet dafür an einem vielversprechenden technischen Mosaikstein. Wir werden die Forschungspartnerschaft mit upBus weiterführen und sind schon gespannt, was sich in den kommenden Jahren daraus entwickelt.“

Zu den regionalen Betrieben, die sich eine enge Zusammenarbeit mit den upBus-Machern vorstellen können, zählt zum Beispiel auch Talbot Services. Das Traditionsunternehmen an der Jülicher Straße in Aachen ist aus dem Zughersteller Bombardier hervorgegangen, der im Jahre 2013 von seinem kanadischen Mutterkonzern eigentlich geschlossen werden sollte. Mittlerweile hat das Team um den geschäftsführenden Gesellschafter Dirk Reuters längst wieder großen Erfolg auf dem Markt. Reuters und Wolfgang Haller, Vorstand der in Baesweiler ansässigen Talbot-Muttergesellschaft Quip AG, ließen sich neben diversen politischen Vertretern unlängst von Professor Schröder das upBus-Konzept näher erläutern. Inzwischen bereitet Stefan Jücker, Baudezernent der Städteregion, eine Machbarkeitsstudie vor. 100.000 Euro stehen dafür im Haushalt. Sie soll die Weichen für die Realisierung des Konzepts stellen. Belastbare Ergebnisse erwartet er im Herbst 2022.

Weitere Informationen gibt es im Internet: www.upbus.de

03.08.2021 / Dürener Nachrichten / Seite 17 / LOKALES