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Schul-, Stadt- und Emanzipationsgeschichte

Mit Dr. Peter Nieveler legt ein intimer Kenner der Einrichtung ein Buch über 125 Jahre Mädchengymnasium Jülich vor.

Jülich. „Ein ganz wichtiges Buch“ legte Herausgeber Professor Günter Bers, Vorsitzender der Joseph-Kuhl-Gesellschaft, den zahlreichen Gästen im Vortragsraum des Mädchengymnasiums Jülich (MGJ) ans Herz. Geschrieben wurde es von einer „lebendigen Quelle“, Dr. Peter Nieveler. Er war schon Messdiener in der Klosterkapelle der Ordensschwestern von Olpe, unterrichtete später 33 Jahre lang an der Mädchenschule und avancierte später zum stellvertretenden Schulleiter. Sein Buch ist gleichzeitig Band 69 in der Reihe „Forum Jülicher Geschichte“ der Joseph-Kuhl Gesellschaft und trägt den Titel „Die Geschichte der St. Josef-Schule – Mädchengymnasium Jülich von 1891 bis 2016“.

„Ganz wichtig“ ist es vor allem deshalb, weil laut Bers „Bestand, Ausrichtung und Anforderungsprofil von Bildungseinrichtungen untrüglicher Indikator für die Wertigkeit einer Kultur sind“ und daher das historische Forschungsinteresse unmittelbar auf die Geschichte von Schuleinrichtungen gelenkt werde. Jülich sei „spätestens seit dem Spätmittelalter eine Stadt der Schulen gewesen“, betonte der Historiker in seiner Einführung.

„Sie sitzen mitten in der Geschichte“, verwies der Autor zunächst auf den Veranstaltungsort, der im frühen 20. Jahrhundert als Grundmauer der Schulkapelle errichtet worden ist. Die Quellen für seinem Beitrag zur regionalen Mädchenbildung einer katholischen Schule hatte er aus diversen Archiven zusammengetragen: Das Stadtarchiv hob er als „Beispiel bester Erreichbarkeit“ hervor. In der Aktensammlung des MGJ sei trotz zweier Weltkriege „erstaunlicherweise sehr viel vorhanden und zu finden gewesen“.

Sein eigenes Archiv sei chronologisch geordnet, im Archiv der ehemaligen Trägerinnen, der Franziskanerinnen von Olpe, sei „manche Anfrage in der Ferne versunken“. „Schulgeschichte ist Gesellschafts- und Stadtgeschichte“, im vorliegenden Fall vor allem Emanzipationsgeschichte.

Darüber hinaus spiegele sie „die Geschichte der katholischen Kirche im vergangenen Jahrhundert mit allen Winkelzügen kirchlicher Hierarchie und Verbundenheit mit dem Papst wieder und einer manchmal erstaunlichen Verbundenheit mit Deutschland als dem Vaterland in guten und leider auch in schlechten Zeiten“. Darüber hinaus sei sie als freie private Schule „eine vom Staat nicht in allen Dingen abhängige Schule“ gewesen.

Erfolge und Turbulenzen

In seinem 343-seitigem Werk gelingt es Nieveler vorzüglich, mit vordergründigen Ereignissen und hintergründigen Zusammenhängen der letzten 125 Jahre die fortlaufende Entwicklung der Mädchenerziehung in ein und derselben Institution mit all ihren Erfolgen und Turbulenzen zu zeichnen, an der Menschen in vier Generationen mitgearbeitet haben. In sieben Unterpunkten umriss der Autor in seiner Buchvorstellung die Geschichte, die 1868 mit der Gründung der Höheren Mädchenschule durch den Jülicher Progymnasial-Rektor und Vater dreier Töchter, Professor Joseph Kuhl, begann. Der erste „winzige Emanzipationsschritt“ begann seiner Meinung nach schon 1717 mit Einführung der Schulpflicht in Preußen. Das MGJ hatte zwei Schulträger, den Orden der Franziskanerinnen von Olpe und eine „von der katholischen Glaubenslehre geprägte Vereinigung“, nämlich die Fördergemeinschaft für Schulen in freier Trägerschaft.

Aus der 1891 eröffneten Höheren Mädchenschule wurde 1909 die staatliche anerkannte St. Josef-Schule, die sich 1924 Lyzeum und 1927 Oberlyzeum nennen durfte.

Mit 28 Jahren erste Schulleiterin

1931 wurde die erste Abiturprüfung abgenommen. Erste Schulleiterin war die erst 28-jährige Schwester Alcantara Leineweber, die in 37 Jahren die Schule organisatorisch, baulich und wissenschaftlich-pädagogisch zu beachtlicher Blüte führte. Als erste von bislang vier weltlichen Kräften leitete Dr. Liselotte Böhme von 1967 bis 1987 die Institution. „Besondere Beachtung“ lenkte Nieveler abschließend auf Unterpunkt sieben, die „Leuchtpfeiler“ der Schule in der heutigen Zeit. (ptj)

„Bildungseinrichtungen sind ein untrüglicher Indikator für die Wertigkeit einer Kultur.“

Prof. Günter Bers, Vorsitzender der Joseph-Kuhl-Gesellschaft

10.06.2016 / Jülicher Zeitung / Seite 17 / Lokales