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Das Digitale nutzt der Integration

Die Kleebachschule ist jetzt mit dem Teresa-Bock-Preis der Caritas-Gemeinschaftsstiftung für das Bistum Aachen ausgezeichnet worden. Förderschule setzt Hilfsmittel geschickt ein.

Aachen Eine typische Lernsituation an der Kleebachschule, Förderschule mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung, in Aachen-Eilendorf: Leon, Eleni und Maryam wollen heute mit ihren Lehrerinnen Simone von Heel und Wibke Namyslo Apfelsaft aus Äpfeln pressen. Dafür stehen eine elektrische Saftpresse, zwei Schneideunterlagen und zwei Messer sowie eine Metallkanne zum Auffangen des Saftes bereit. Außerdem ein iPad mit einem Programm für unterstützte Kommunikation, genannt Talker, sowie ein „Big Mack“, ein großer grüner Knopf zum Drücken, der an eine programmierbare Schnittstelle, einen Power Link, angeschlossen ist. Der Stecker der Saftpresse steckt ebenfalls im Power Link. Was fehlt, sind die Äpfel.

Eleni tippt deshalb auf dem Talker auf zwei Symbole. Der Minicomputer spricht: „Ich möchte Apfel.“ Wibke Namyslo holt aus einer Schale am Nebentisch einen Apfel. Sie reicht ihn Eleni und sagt: „Hier hast Du einen Apfel.“ Beim Wort „Apfel“ zeigt sie die Gebärde für dieses Obst. Maryam tippt ebenfalls und bekommt einen Apfel, begleitet von der Gebärde. Sie schneiden das Obst in Stücke und stecken es in die Saftpresse. Jetzt kommt Leons Einsatz: Simone von Heel hält ihm den grünen Knopf hin: „Leon, schalte bitte die Maschine an, damit wir Apfelsaft bekommen.“ Wieder die Apfel-Gebärde. Leon drückt auf den Knopf, die Saftpresse springt an und produziert feinsten Apfelsaft.

Alle werden eingebunden

Neben der Herstellung des Apfelsaftes ist hier noch ganz viel anderes passiert: Leon war eingebunden in die Entsaftungsaktion, obwohl er körperlich und geistig so stark eingeschränkt ist, dass er keinen Apfel schneiden und auch den „Talker“ nicht bedienen kann. Eleni und Maryam haben die Nutzung des „Talkers“ trainiert, allen dreien wurde die Gebärde für „Apfel“ ins Gedächtnis gerufen. Für ihre Einbindung digitaler Medien in die unterstützte Kommunikation ist die Schule mit dem mit 10.000 Euro dotierten Teresa-Bock-Preis der Caritas-Gemeinschaftsstiftung für das Bistum Aachen ausgezeichnet worden, der in diesem Jahr unter dem Motto „Mitmenschlichkeit – sozial trifft digital“ stand. Bei der Kleebachschule hat die Jury überzeugt, dass das Digitale für das Soziale und die Pädagogik genutzt wird, ihnen unterworfen wird.

Tatsächlich ist die unterstützte Kommunikation an der Kleebachschule Alltag. An jeder Tür befinden sich immer wiederkehrende Symbole – gerade viele fürs Lüften – die auch im Talker zu finden sind. Dazu wird oft auch die passende Gebärde gezeigt sowie das geschriebene Wort. Im Unterricht, aber auch in den Pausen, hat der Talker ebenso seinen Platz wie die Gebärde und die Symbolkarte. Von den 224 Schülerinnen und Schülern können viele sprechen, aber 35 gar nicht und weitere 75 können sich nur bedingt lautsprachlich unterhalten. Durch den Talker, durch Gebärden, auch durch Hilfsmittel wie den „Big Mack“ und Symbolkarten können auch sie an Gesprächen teilhaben und ihre Wünsche äußern. Sie können im Morgenkreis von ihrem Wochenende erzählen und sich ihren Spielpartner für die Pause aussuchen. „So können wir unserem Prinzip ‚Miteinander leben und lernen und jeder auf seine Art‘ gerecht werden“, sagt Schulleiterin Kathi Meiß-Schemmel.

Dadurch, dass alle Schülerinnen und Schüler – egal ob mit oder ohne Lautsprache – alle Möglichkeiten der Kommunikation trainieren und im Alltag nutzen, stärkt das Konzept außerdem die Gemeinschaft. Jeder kann mit jedem reden und niemand fällt besonders auf, weil er sich mit Hilfe eines Talkers oder auch einem besprochenen „Big Mack“ äußert oder Symbolkarten hochhält. „Mittel der unterstützenden Kommunikation sind für alle gut. Sie fördern das Sprachverständnis und das Denken in Kategorien bei Kindern ohne und mit Lautsprache“, erläutert Wiebke Namyslo. Eleni und Maryam zum Beispiel können sprechen. Aber sie bauen durch Mittel der unterstützten Kommunikation ihren Sprachschatz weiter aus und festigen ihn. Den Unterschied zwischen Einzahl und Mehrzahl zum Beispiel. „Ich möchte Glas Glas“, hat Maryam eingetippt, als der Saft fertig ist. Sie will ja den Saft nicht allein trinken, sie muss also nach mehr als einem Glas fragen.

Wird im Unterricht eine Geschichte erzählt, helfen Sinneswahrnehmungen Wörter zu verinnerlichen: Eine Wärmelampe lässt die Kinder und Jugendlichen spüren, wie warm es in der beschriebenen Wüste ist, ein Ventilator imitiert den Wind der Herbstgeschichte. Auch dafür sind „Big Mack“ und „Power Link“ gut einsetzbar, denn damit können sich auch Kinder wie Leon einbringen.

Bilder könnten außerdem zur Deeskalation beitragen und die Kommunikation zwischen Lehrpersonen und Schülerinnen und Schülern erleichtern, gerade in Situationen, in denen Angst, Überforderung oder Stress herrscht. „Ein autistischer Junge war bei einem Ausflug auf ein Klettergerüst geklettert und kam aus nicht kommunizierten Gründen nicht wieder runter. Gutes Zureden half nicht“, berichtet Simone von Heel von einem Beispiel. „Erst als wir ihm auf dem iPad mit ihm bekannten Bildern gezeigt haben, wie der Plan ist, beruhigte er sich, und wir konnten den Ausflug zu einem guten Ende bringen.“

01.10.2020 / Aachener Zeitung - Stadt / Seite 19 / LOKALES