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Grüne kritisieren: Fanc hält Daten zu Tihange 2 zurück

Wie viel Radioaktivität entweicht bei Störfall? Deutschland auf den Super-GAU in Nachbarländern wohl nicht optimal vorbereitet.

Tihange/Berlin. Die Grünen kritisieren die belgische Atomaufsichtsbehörde Fanc, weil sie der Bundesregierung wichtige Daten zu Atomkraft-Störfällen bislang vorenthält. Die Kritik richtet sich aber nicht nur gegen Belgien, sondern auch gegen andere Nachbarstaaten Deutschlands wie Frankreich oder Tschechien.

„Dass wir von fast allen Nachbarstaaten mit AKW immer noch keine Datengrundlage für den Notfallschutz beim Super-GAU haben, ist inakzeptabel und empörend“, sagte der Dürener Bundestagsabgeordnete Oliver Krischer (Grüne) unserer Zeitung. Die Bundesregierung hat „bislang mit keinem Nachbarstaat Quellterme für hiesige oder dortige Atomkraftwerke ausgetauscht“, heißt es in einer Antwort des Bundesumweltministeriums auf eine Anfrage der Grünen, die unserer Zeitung vorliegt. Quellterme sind Datensätze, die eine Aussage über die Freisetzung von Radioaktivität bei einem Atomunfall ermöglichen. Sie dienen als Planungsgrundlage für den Katastrophenschutz.

Für die Grünen bedeutet das: Deutschland ist „auf einen Super-GAU in Frankreich, Tschechien und Belgien nicht optimal vorbereitet“, sagte die atompolitische Sprecherin der Grünen, Sylvia Kotting-Uhl der „Heilbronner Stimme“.

„Das Bundesumweltministerium hat die belgische Atomaufsichtsbehörde Fanc um Übermittlung eines realistischen Quellterms für Tihange 2 gebeten“, heißt es weiter in der Antwort der Bundesregierung. Der Meiler, der Luftlinie nur 60 Kilometer vom Aachener Stadtgebiet entfernt liegt, ist wegen Tausender Haarrisse im Reaktordruckbehälter umstritten.

Das Bundesumweltministerium, das Tihange 2 und auch den Meiler Doel 3 bei Antwerpen kritisiert, hatte eigens eine deutsch-belgische Atommission eingerichtet. Beim ersten Treffen der Kommission vor wenigen Wochen in Bonn hatten die deutschen und belgischen Experten auch über Tihange 2 gesprochen.

„Dort sind auch die Quellterme diskutiert worden“, sagte eine Sprecherin des Bundesumweltministeriums gestern auf Anfrage unserer Zeitung. Zu genauen Inhalten äußerte sich das Ministerium aber nicht. Ohnehin seien Themen zunächst nur angerissen worden. Das nächste Treffen der deutsch-belgischen Nuklearkommission sei für Juni 2018 geplant, so das Ministerium. Es kann also dauern, bis man sich auf diesem Wege näherkommt.

„Die Bundesregierung tut oft so, als liefe die bilaterale Atomaufsicht-Kooperation mit unseren Nachbarstaaten gut. Diese Antwort beweist das Gegenteil“, kritisierte der Dürener Bundestagsabgeordnete Oliver Krischer (Grüne) gegenüber unserer Zeitung.

Die Bundesregierung müsse sich endlich mit Rückgrat für eine optimale Schadensvorsorge einsetzen. Krischer: „Das heißt, erstens diese Daten nachdrücklich anfordern, zweitens eigene Abschätzungen als Plan B vornehmen und drittens mit klarer Kante auf die Abschaltung der Grenzmeiler drängen.“

Die Schweiz macht die für Planungen zu Grunde gelegten Datensätze öffentlich zugänglich. Aus Belgien lagen mit Stand letzter Woche trotz expliziter Bitte keine Quellterme vor. Frankreich und Tschechien wurden, so heißt es in der Antwort der Bundesregierung, nie darum gebeten.

07.07.2017 / Aachener Nachrichten - Stadt / Seite 9 / Region und NRW