Lesen. Suchen. Sammeln

Alte Akten werden ein unerwarteter Segen

Vor zwei Jahren stieß Helmut Krebs auf Unterlagen der Dürener Dampfstraßenbahn AG . Die können jetzt ausgewertet werden.

Düren. Der Anruf kam für Archivar Helmut Krebs überraschend. Rund zwei Jahre ist es her, als das Telefon klingelte und eine ältere Dame am Apparat war. „Ob ich Interesse an alten Unterlagen hätte, bin ich damals gefragt worden“, erzählt Krebs, Leiter des Dürener Stadt- und Kreisarchivs. Kurz darauf stand Krebs in einer alten Lagerhalle, die verkauft werden sollte. In der Lagerhalle stand ein alter Schrank, der seit Jahrzehnten nicht mehr geöffnet worden war. Und weil die Frau aus Düren beim Ausräumen der Lagerhalle nicht einfach einen Papiercontainer bestellt, sondern ans Dürener Archiv gedacht hat, kann Krebs sich heute über einen mehr als unerwarteten Fund freuen: In dem Schrank stieß er auf Aktenberge der früheren Dürener Dampfstraßenbahn AG, die 1888 von dem Dürener Papierfabrikanten Felix Heinrich Schoeller gegründet worden war.

Vor zwei Jahren war Krebs das allerdings noch nicht bewusst. „Es gab Unterlagen einer Eisenbahnbehörde aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, die ich nicht zuordnen konnte“, erinnert er sich.

Abschrift der Gründungsurkunde

Also hat er die Unterlagen zunächst im Magazin eingelagert. „Die Unterlagen waren sehr verdreckt, teilweise angekokelt, es waren erkennbar Mäuse dran“, berichtet Krebs. Mehrere Praktikanten haben sich dann um die sachgemäße Reinigung gekümmert, die Unterlagen vorsortiert. Mit jedem gereinigten Archivstück dürften die Augen von Helmut Krebs immer größer geworden sein, immerhin fand sich eine Abschrift der Gründungsurkunde der früheren Dampfstraßenbahn AG in dem Konvolut, zahlreiche Pläne über den Bau der Bahnstrecken, den Erwerb der Grundstücke, Personalangelegenheiten und die Buchhaltung. „Der gesamte Geschäftsbetrieb ist mit Lücken nachvollziehbar“, schwärmt Krebs. „Dass diese Unterlagen zwei Kriege überstanden haben, ist wirklich ein Glücksfall.“

„Dass diese Unterlagen zwei Weltkriege überstanden haben, ist wirklich ein Glücksfall.“

Helmut Krebs, Leiter des Dürener Stadt- und Kreisarchivs

Und das vielleicht noch nicht einmal so sehr für Krebs selbst, sondern für die Menschen, die diese Unterlagen nun auswerten können. Fast 400 Archiveinheiten umfasst der Fund, Krebs hat jetzt ein sogenanntes Findbuch vorgelegt, in dem verzeichnet ist, um welche Unterlagen es sich handelt und wo man sie im Archiv findet. Das ermöglicht erstmals die Arbeit mit den historischen Dokumenten. „Wer sich intensiv damit beschäftigen möchte, hat gerne freie Bahn“, lädt er Historiker ein. „Die Geschichte der Dürener Dampfstraßenbahn AG ist grob bekannt. In der Festschrift zum 100-jährigen Bestehen der Dürener Kreisbahn wird kurz auf ihre Geschichte eingegangen“, erzählt Krebs.

Ziel von Felix Heinrich Schoeller war es, die Dürener Industriebetriebe an die damals neu eröffnete Bahnstrecke Köln-Aachen anzubinden. So entstand zunächst die 2,6 Kilometer lange Bahnstrecke bis Birkesdorf, die ausschließlich für den Gütertransport gedacht war. Am 1. April 1893 konnte die Strecke eingeweiht werden, ein Jahr später wurde sie auch für den Personentransport freigegeben.

Eine Entscheidung, die auch Sicht von Krebs durchaus Sinn machte, weil so auch die Arbeiter problemlos zu ihren Betrieben kommen konnten. „Im Industrialisierungsprozess wurden die Arbeiter so mobil“, sagt Krebs. Später folgte die Erweiterung der Strecke bis Merken und nach Inden. Wie in den aufgefundenen Plänen über die Streckenführung erkennbar ist, wurden die Schienen zumindest in den ersten Abschnitten einfach in den bereits vorhandenen Straßen verlegt.

Unabhängig von der wissenschaftlichen Aufbereitung der Dokumente, sind für Krebs auch noch ein paar andere Fragen zu dem Fund offen. Bei der Lagerhalle an der Veldener Straße, aus der die Akten geborgen werden konnten, handelte es sich um eine Halle der früheren Metallwerke.

Offene Fragen

„Wie und warum die Unterlagen dort gelandet sind, ließ sich bisher nicht klären. Schon der Opa der älteren Dame hatte sich um die Aktenschränke nicht mehr gekümmert“, berichtet Krebs. „Vielleicht hatte die Gesellschaft dort ihr Betriebsgelände.“ Überlebt hat die Dürener Dampfstraßenbahn AG nur indirekt. 1939 wurde sie in Dürener Eisenbahn AG umbenannt. Mitte 1965 wurde der Güterverkehr eingestellt, der Personenverkehr auf Busse umgestellt. 1969 übernahm dann die Dürener Kreisbahn die Konzession für die Buslinien – im Gegenzug wurde der Vorstand der Dampfstraßenbahn AG neuer Geschäftsführer der DKB.

27.12.2017 / Dürener Zeitung / Seite 15 / Lokales Düren